WirtschaftsWoche

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18.05.2017

09:21 Uhr

Deutsche Bank

Gigant mit ungewisser Zukunft

Von: Michael Maisch
Quelle:Handelsblatt Online

  Mit einem Dokumentarfilm versucht das ZDF Licht in die dunkle Vergangenheit der Deutschen Bank zu bringen. Das Ergebnis ist genauso zwiespältig wie die Situation des größten heimischen Geldhauses.

Die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main (Hessen) spiegelt sich in einer Glasfassade: Wie geht es weiter mit der Bank? dpa

Die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main (Hessen) spiegelt sich in einer Glasfassade: Wie geht es weiter mit der Bank?

Im vergangenen Herbst steckte die Deutsche Bank in ihrer tiefsten Krise. Wie konnte einer der einst größten Finanzkonzerne der Welt in diese Lage kommen? Diese Fragen haben schon viele gestellt, denen das Schicksal der Bank am Herzen liegt. Am späten Mittwoch Abend waren die Reporter von "ZDFzoom" an der Reihe.

Um es vorweg zu nehmen: Wirklich neue Erkenntnisse konnten auch sie nicht gewinnen. Aber ihre Reportage „Gigant ohne Zukunft“ führt noch einmal plastisch vor Augen, wie tief das noch immer mächtigste heimische Geldhaus in den vergangenen Jahren gesunken ist, und welch schlimme Folgen das hatte – nicht nur für Aktionäre und Manager, sondern auch für die Menschen, die in den Sog Abwärtsspirale gerieten.

Das ZDF konnte für diese Dokumentation im Inneren der Deutschen Bank drehen. Vier Mitglieder des Vorstands standen für Interviews und kritische Fragen zur Verfügung. Hat man aus der Vergangenheit gelernt? Wie geht es weiter mit dem Geldhaus?

Autor Dirk Laabs konfrontierte die Manager mit den Verfehlungen der vergangenen Jahre: Wie konnte es zu all den Skandalen kommen, wieso hat die Risikokontrolle immer wieder versagt? Was hat es mit der Geschäftsbeziehung zwischen Deutscher Bank und Donald Trump auf sich?

Der Film zeigt, wie aus dem als Folge der Finanzkrise versprochenen Kulturwandel ein Kulturkampf geworden ist, der am Ende eine ganze Generation von Managern hinwegfegte. Nicht nur die beiden ehemaligen Vorstandschef Anshu Jain und Jürgen Fitschen, sondern fast den kompletten damaligen Vorstand und viele Führungskräfte auf der Ebene darunter.

„Es waren mit Sicherheit nicht immer alles ehrbare Kaufleute in der Deutschen Bank“, gibt Christian Sewing, seit Kurzem einer der beiden Vize-Chefs der Deutschen Bank, zu. Der zweite neue Vize-Chef Marcus Schenck fügt hinzu: „Fast sieben von zehn Leuten, die in unserer obersten Führungsmannschaft sitzen, sind heute neu in ihren Positionen." Solche Selbstkritik fällt Managern normalerweise nicht leicht, aber für Schenck und Sewing ist es ja keine Selbstkritik, denn die beiden sind genauso wie Vorstandschef John Cryan Teil der neuen Mannschaft, die die Bank aufräumen und wieder auf Kurs bringen soll.

Die teuersten Rechtsstreitigkeiten der Deutschen Bank

Januar 2017

In der Affäre um Geldwäsche von Kunden bei Wertpapiergeschäften in Moskau, London und New York muss die Deutsche Bank umgerechnet knapp 600 Millionen Euro an Aufsichtsbehörden in den USA und Großbritannien zahlen. Deutsche-Bank-Kunden kauften zwischen 2011 und 2015 bei der Moskauer Filiale Aktien großer Konzerne in Rubel - um diese dann an westlichen Handelsplätzen in dortiger Währung wieder zu verkaufen. So sollen rund 10 Milliarden Dollar Rubel-Schwarzgeld gewaschen worden sein. Die Deutsche Bank habe wegen Aufsichtsversagens zahlreiche Gelegenheiten ungenutzt gelassen, das Komplott zu unterbinden, urteilte die New Yorker Finanzaufsicht DFS und verhängte ein Bußgeld von 425 Millionen Dollar. An die britische Finanzaufsicht FCA muss die Deutsche Bank 163 Millionen Pfund zahlen.

Dezember 2016

Kurz vor Weihnachten einigt sich die Deutsche Bank mit den US-Behörden auf einen Vergleich über 7,2 Milliarden Dollar (6,7 Mrd Euro) für dubiose Hypothekengeschäfte aus Zeiten vor der Finanzkrise 2007/2008. 3,1 Milliarden Dollar werden als Zivilbuße fällig, 4,1 Milliarden Dollar muss die Bank über fünf Jahre verteilt an „Erleichterungen für Verbraucher“ zur Verfügung stellen. Wie sich das auf die Bilanz auswirkt, ist noch offen. US-Justizministerin Loretta Lynch kritisiert das Institut harsch: „Die Deutsche Bank hat nicht nur Investoren getäuscht, sie hat direkt zu einer internationalen Finanzkrise beigetragen.“ Ursprünglich hatte US-Justizministerium mit 14 Milliarden Dollar Strafe gedroht.

April 2015

Die Deutsche Bank muss wegen ihrer Verstrickung in den Libor-Skandal um manipulierte Zinssätze eine Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar zahlen. Das Institut verständigt sich mit Behörden in den USA und Großbritannien auf einen Vergleich. Es ist die höchste bislang verhängte Buße gegen eine Bank in diesem Fall.

Februar 2014

Die Bank zieht einen teuren Schlussstrich unter den Dauerstreit um die Pleite des Kirch-Medienkonzerns. Insgesamt 925 Millionen Euro kostet der am Oberlandesgericht München besiegelte Vergleich. Damit beendete die Bank die juristische Auseinandersetzung um eine Mitverantwortung für die Pleite des Kirch-Konzerns 2002.

Dezember 2013

Das Institut zahlt 1,9 Milliarden Dollar in einem Streit um Hypothekenpapiere in den USA. Die beiden staatlichen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac fühlten sich bei Hypothekengeschäften aus den Jahren 2005 bis 2007 übers Ohr gehauen.

Mai 2012

Der Konzern steht für zwielichtige Hypotheken-Geschäfte der US-Tochter MortgageIT gerade. Um eine Klage aus der Welt zu schaffen, fließen 202 Millionen Dollar.

März 2012

Das Geldhaus legt einen Streit mit der Stadt Mailand über umstrittene Zinswetten gegen eine Millionen-Zahlung bei. Insgesamt erhält die italienische Wirtschaftsmetropole 455 Millionen Euro. Die Entschädigungszahlung teilen sich vier Banken.

Die Reportage beleuchtet auch eines der tragischsten Kapitel in den düsteren Jahren des Geldhauses. Der Risikospezialist William Broeksmit hatte sich im Januar 2014 in seiner Londoner Wohnung das Leben genommen und mehrere Abschiedsbriefe hinterlassen, unter anderem an seinen langjährigen Weggefährten, den ehemaligen Vorstandschef Anshu Jain. Um ihn herum lagen interne Unterlagen der Deutschen Bank.

Broeksmit hatte bei einem Arzt wenige Monate vor seinem Freitod darüber geklagt, dass er sich große Sorgen wegen mehrerer Ermittlungen von europäischen und US-amerikanischen Behörden gegen die Bank macht. Er hatte Angst davor, bankrott zu gehen oder ins Gefängnis zu kommen.

BaFin: Geldbuße gegen Deutsche Bank wegen Ad-hoc-Verstößen

BaFin

exklusiv Geldbuße gegen Deutsche Bank wegen Ad-hoc-Verstößen

Die Finanzaufsicht BaFin hat der Deutschen Bank eine Geldbuße über 550.000 Euro auferlegt.

Die ZDF-Reporter hatten die Chance, mit Broeksmits Sohn Val zu sprechen, der seit drei Jahren verzweifelt versucht herauszufinden, warum sich sein Vater erhängte, und bis heute keine befriedigende Antwort gefunden hat. Vize-Chef Sewing versichert, dass die Bank alles getan habe, um die Vorgänge rund um den Selbstmord aufzuklären. Zu den Ergebnissen der externen Untersuchung will er sich allerdings nicht äußern.

Sylvie Matherat, im Vorstand der Deutschen Bank heute zuständig für die internen Kontrollen, wählt drastische Worte für die Veränderungen seit der Ära Jain: Die Bank habe eine Art "Elektroschock" gebraucht. Viele Topmanager hätten das Geldhaus verlassen müssen, damit alle Angestellten der Bank begreifen, dass es der neuen Bankführung ernst sei mit dem neuen Kurs. Bleibt die Frage, ob diese Elektroschocks reichen? Am Ende kommt die ZDF-Reportage zu dem Schluss, dass die Zukunft der Deutschen Bank nach wie vor ungewiss sei.

Deutsche-Bank-Chef Cryan: Postbank braucht weniger Filialen

Deutsche-Bank-Chef Cryan

Postbank braucht weniger Filialen

Die Deutsche Bank arbeitet an der Vollintegration der Postbank. Deutsche-Bank-Chef Cryan bereitet die Mitarbeiter schon jetzt auf größere Einschnitte vor.

Aber das hat die Zukunft nun einmal so an sich. Vor allem für eine Bank, die nach langen Irrwegen, wieder zurück zu sich selbst finden und dabei auch noch Geld verdienen muss. Den Blick endlich einmal nach vorne richten - nichts wünscht sich die neue Deutsche Bank-Führung mehr. Ob das gelingen kann, wird sich zumindest ein Stück weit schon auf der heutigen Hauptversammlung zeigen.

Das Top-Management hofft auf Versöhnung, aber vielleicht sollten sich Cryan, Sewing, Schenck und Co an das Wort des Dichters T. S. Eliot erinnern: „Wer vor seiner Vergangenheit flieht, hat das Rennen schon verloren.“

Wer Suizidgedanken hat, sollte sich an vertraute Menschen wenden. Oft hilft bereits das Sprechen dabei, die Gedanken zumindest vorübergehend auszuräumen. Wer für weitere Hilfsangebote offen ist oder sich um nahestehende Personen sorgt, kann sich – auch anonym – an die Telefonseelsorge wenden: Sie bietet schnelle Hilfe an und vermittelt Ärzte, Beratungsstellen oder Kliniken unter der Nummer 0800/111 01 11.

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