WirtschaftsWoche

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13.11.2017

18:56 Uhr

Abschied vom Acht-Stunden-Tag?

„Das Arbeitsrecht hinkt der Digitalisierung hinterher"

Von: Katja Joho

  Die Wirtschaftsweisen fordern die Abschaffung des Acht-Stunden-Tags, um in der digitalen Arbeitswelt Unternehmen und ihren Mitarbeitern mehr Flexibilität zu geben. Arbeitgebervertreter sehen sich bestätigt.

„Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung“, lautete im 19. Jahrhundert das Motto des walisischen Sozialreformers und Unternehmers Robert Owen. Dieser Idee folgend wurde ab 1900 bei Zeiss in Jena nur noch acht Stunden pro Tag gearbeitet. Zeiss wurde damit zum ersten größeren Unternehmen in Deutschland, das den Acht-Stunden-Tag einführte und damit eine der ältesten Forderungen der Arbeiterbewegung umsetzte.

Im November 1918 wurde der Acht-Stunden-Tag in Deutschland erstmals Gesetz. Nach mehreren Aufweichungen, Aussetzungen und Abänderungen ist der Acht-Stunden-Tag nun unverändert seit dem 6. Juni 1994 mit Einschränkungen gesetzlich geregelt. Ein Gesetz mit langer Geschichte.

Geht es allerdings nach den Wirtschaftsweisen, dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland, ist nach hundert Jahren Acht-Stunden-Tag bald Schluss mit dem starren Arbeitszeitmodell.

Überstunden, Unterforderung, wenig Flexibilität: So arbeitet Deutschland 2017

Flexibilität

34 Prozent können sich die Arbeit frei einteilen.

Quelle: Deutschland-Umfrage der Personalberatung SThree.

Home-Office

12 Prozent der Arbeit wird im Home-Office erledigt.

Übertriebenes Pflichtbewusstsein

71 Prozent arbeiten trotz Krankheit (42 Prozent, weil sie sagen, dass ihre Arbeit sonst nicht machbar wäre, 31 Prozent aus Eigenmotivation).

Überstunden

53 Prozent arbeiten häufig länger, um alle Aufgaben erledigen zu können.

Boreout

33 Prozent sehen bei sich oder Kollegen das Risiko dauerhafter Unterforderung.

"Flexiblere Arbeitszeiten sind wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen", sagte der Vorsitzende des Beratergremiums der Bundesregierung, Christoph Schmidt, der "Welt am Sonntag". Unternehmen, die in der neuen digitalisierten Welt bestehen wollten, müssten agil sein und schnell ihre Teams zusammenrufen können: "Die Vorstellung, dass man morgens im Büro den Arbeitstag beginnt und mit dem Verlassen des Arbeitsplatzes beendet, ist veraltet." Statt eines Acht-Stunden-Tages sollte es eine maximale Wochenarbeitszeit von 48 Stunden geben, so die Empfehlung.

Der Arbeitnehmerschutz in Deutschland habe sich zwar bewährt, er sei aber in Teilen nicht mehr für die digitalisierte Welt geeignet, so Schmidt. "So brauchen Unternehmen beispielsweise Sicherheit, dass sie nicht gesetzwidrig handeln, wenn ein Angestellter abends noch an einer Telefonkonferenz teilnimmt und dann morgens beim Frühstück seine Mails liest." Dies würde nicht nur den Unternehmen helfen, sondern auch den Mitarbeitern, die mit der digitalen Technik flexibler arbeiten könnten.

Arbeitszeiten: Warum flexible Arbeitszeiten eine Falle sind

Arbeitszeiten

Warum flexible Arbeitszeiten eine Falle sind

Der Acht-Stunden-Tag ist tot. Viele Arbeitnehmer arbeiten mehr, einige deutlich weniger. Forscher haben jetzt herausgefunden: Je flexibler das Arbeitszeitangebot, desto mehr und länger arbeiten die Angestellten.

Auch in ihrem Jahresgutachten, das in der vergangenen Woche der Bundeskanzlerin vorgelegt wurde, empfehlen die Wirtschaftsweisen ein flexibleres Arbeitszeitgesetz.

Arbeitgeber wünschen sich größere Flexibilität

Die Wirtschaftsweisen sprechen damit ein großes Thema an – sowohl bei den Arbeitgeber- als auch den Arbeitnehmerverbänden.

Viele Gewerkschaften warnen seit Jahren vor verschwimmenden Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit und sehen in mehr Flexibilität vor allem in Summe mehr Druck und Stress für Arbeitnehmer. Sie fürchten insbesondere eine verdeckte Ausweitung der Arbeitszeiten.

Die Arbeitgeber wollen hingegen unbedingt mehr Flexibilität. Ein Acht-Stunden-Tag dürfe nicht mehr der Ausgangspunkt für ein modernes Arbeitszeitmodell sein, sagt Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander. „Die Arbeitszeit sollte in bestimmten Lebensphasen oder in Projektphasen flexibler gestaltet werden können – mit einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit“, so Zander.

Auch Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer setzt sich bereits seit Jahren für mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit ein. „Wir brauchen bessere Möglichkeiten, die Arbeitszeit über die Woche hinweg flexibel zu verteilen. Es geht nicht um eine Ausdehnung der Wochenarbeitszeit. Aber der starre Acht-Stunden-Tag für alle im Gleichschritt ist passé“, argumentiert Kramer. „Die Politik hält fest an einem Arbeitszeitgesetz aus der Stechuhrzeit des letzten Jahrhunderts. Das behindert Wachstum und Beschäftigung. Gute, sichere Jobs müssen flexibel sein.“

Viele Arbeitgeber fordern außerdem, dass die starren Ruhezeitregelungen von elf Stunden zwischen zwei Arbeitszeiten reduziert werden sollten. Statt der bisher elf Stunden Ruhezeit sollte es eine verkürzte Ruhezeit von nur neun Stunden geben, so der Vorschlag. "Ruhezeiten werden dadurch nicht in Frage gestellt. Die Tarifvertragsparteien sollten aber Gestaltungsmöglichkeiten erhalten", betonte ein Sprecher der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) gegenüber der WirtschaftsWoche.

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