WirtschaftsWoche

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18.03.2017

12:00 Uhr

Equal Pay Day

"Ungerechte Bezahlung ist kein Frauenproblem"

Von: Kerstin Dämon

Interview  Am 18. März ist der zehnte Equal Pay Day. Er soll darauf hinweisen, dass Frauen in Deutschland 21 Prozent weniger verdienen, als Männer. Initiatorin von Platen spricht im Interview über Sinn und Grenzen des Aktionstages.

Henrike von Platen ist Unternehmensberaterin und Interim-Managerin. Sie gehört zu den Begründerinnen des Aktionstags Equal Pay Day Presse

Henrike von Platen ist Unternehmensberaterin und Interim-Managerin. Sie gehört zu den Begründerinnen des Aktionstags Equal Pay Day und setzt sich für Entgeltgleichheit ein.

WirtschaftsWoche: Frau von Platen, am 18. März findet zum zehnten Mal der Equal Pay Day statt, der darauf hinweisen soll, dass Frauen in Deutschland 21 Prozent weniger verdienen, als Männer. Aber diese Zahl stimmt doch so gar nicht. Dementsprechend müsste der Equal Pay Day eigentlich schon Anfang Januar gefeiert werden.

Henrike von Platen: Jedes Jahr, wirklich jedes Jahr, gibt es süffisante Kommentare dazu, dass wir das Datum des Equal Pay Days falsch berechnen. Aber: Wir rechnen richtig! Und zwar so einfach wie möglich, damit es auch jeder Mann verstehen kann: Wir vergleichen den Lohn von berufstätigen Frauen – brutto pro Stunde – mit dem Lohn von berufstätigen Männern – brutto pro Stunde. Und zwar immer den Durchschnitt: Alle Frauen, alle Männer, alle Branchen, alle Berufe, alle Unternehmen, alle Altersklassen, alle Regionen. Ganz einfach. Wir vergleichen nicht Angela Merkel und Martin Winterkorn, sondern Max Mustermann und Marta Musterfrau. Und in diesem Vergleich sind 21 Prozent die reale Lücke. Das bestätigt auch das Statistische Bundesamt, ganz offiziell.

Der bereinigte Gender Pay Gap ist aber deutlich kleiner.

„Bereinigt“ ist hier gar nichts, sondern nur anders und beschönigend gerechnet. Natürlich gibt es tausend Gründe, warum Frauen weniger Geld verdienen als Männer: Frauen arbeiten mehr in Teilzeit als Männer, haben häufiger schlecht bezahlte Jobs und sind seltener in Führungspositionen. In den 21 Prozent steckt all das drin.

Was ist der Equal Pay Day?

18. März 2017

Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts verdienten Frauen im Jahr 2014 durchschnittlich 21,6 Prozent weniger als Männer. Rechnet man den Prozentwert in Tage um, arbeiten Frauen 79 Tage, vom 1. Januar bis zum 18. März 2017, umsonst. Aus diesem Grund machen deutsche Politikerinnen sowie Frauen aus der Wirtschaft an diesem Tag auf die sogenannte gender pay gap oder Lohnlücke aufmerksam.

Wo gibt es den Equal Pay Day überall?

Inzwischen findet der Equal Pay Day in über 20 europäischen Ländern statt. Das Netzwerk BPW International ist allerdings in rund 100 Ländern vertreten.

Wer sind die Unterstützer in Deutschland?

2009 formierte sich auf Initiative des BPW Germany ein nationales Aktionsbündnis bestehend aus der Bundesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Frauenbüros und Gleichstellungsstellen (BAG), der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), dem Deutschen Frauenrat (DF) und dem Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU).

Ursprung des Equal Pay Days

Entstanden ist der Tag für gleiche Bezahlung in den USA. Die amerikanischen Business and Professional Women (BPW) schufen 1988 mit der Red Purse Campaign ein Sinnbild für das unterschiedliche Gehalt von Männern und Frauen.

Die Kritiker unterstellen nun, dass es Zufall oder eine persönliche Entscheidung ist, wenn Frauen von bestimmten Einflussfaktoren mehr betroffen sind als Männer. Das Dumme: Egal wie sie rechnen, am Ende bleibt immer noch ein Restbetrag, den man nicht anders erklären kann als „verdammt dreckig“, nämlich durch Geschlecht. Trotzdem ermittelt sogar das – vermeintlich sauber rechnende – Institut der deutschen Wirtschaft einen Gender Pay Gap von zwei Prozent und das Statistische Bundesamt kommt hier auf sieben Prozent. Das sei aber nicht schlimm genug, dass der Staat deswegen handeln müsse. Was die Herren wohl zu einer Gehaltskürzung von sieben Prozent sagen würden?

Heißt: Rechnet man diese Faktoren heraus, kommt man auf den Wert von zwei Prozent, den das IW nennt?

Es wäre grandios, wenn wir die 21 Prozent detailliert erklären könnten: x Prozent, weil weniger Frauen in Führungspositionen sind, x Prozent wegen der langen Familienauszeiten, x Prozent wegen Teilzeitarbeit, x Prozent, weil die Frauen lieber in sozialen als in MINT-Berufen arbeiten, x Prozent, weil Frauen schlechter verhandeln.

Die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern

Wie werden die 21 Prozent errechnet?

Die Berechnung stützt sich allein auf den durchschnittlichen Stundenlohn. Aus den 21 Prozent lässt sich also nicht ableiten, dass alle Frauen in Deutschland 21 Prozent weniger als Männer verdienen. Die Qualifikation der Beschäftigten und ob sie Voll- oder Teilzeit arbeiten, wird nicht berücksichtigt. Daran stören sich Kritiker. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall wendet zum Beispiel ein, die Berechnung sei „kein Indikator für mögliche Diskriminierung, denn er vergleicht eben gerade nicht vergleichbare Tätigkeiten miteinander“.

Warum gibt es die Ungleichheit?

Die Statistiker führen rund zwei Drittel der Differenz darauf zurück, dass Frauen in eher schlechter bezahlten Berufen tätig sind - zum Beispiel als Reinigungskraft (Frauenanteil 85 Prozent) oder Verkäuferin (73 Prozent). Deutlich mehr Frauen als Männer arbeiten in Teilzeit, deutlich weniger in höheren Führungsebenen.

Das letzte Drittel der Lohnlücke zwischen den Geschlechtern lässt sich daraus aber nicht erklären: Dem Statistischen Bundesamt zufolge verdienen Frauen auch bei ähnlicher Tätigkeit und Qualifikation im Schnitt sieben Prozent weniger pro Stunde als ihre männlichen Kollegen. Das wird unter anderem damit erklärt, dass Frauen häufiger eine Auszeit vom Beruf nehmen - um sich um Kinder zu kümmern oder Angehörige zu pflegen. Und sie treten bei Gehaltsverhandlungen anders auf.

Wie schneidet Deutschland im europäischen Vergleich ab?

Denkbar schlecht. EU-weit betrug der Rückstand 2013 lediglich 16 Prozent. In Slowenien zum Beispiel verdienten Frauen im Schnitt 3,2 Prozent weniger als Männer, in Italien 7,3 Prozent. Nur in Estland (30 Prozent), Österreich (23 Prozent) und Tschechien (22 Prozent) war die Lücke noch größer als hierzulande.

Wird die Lücke durch den Mindestlohn korrigiert?

Davon gehen Experten zumindest aus. „Wenn der Mindestlohn eingehalten wird, werden Frauen davon profitieren, weil eben der größere Teil derjenigen, die unter 8,50 Euro verdient haben, Frauen waren“, sagt Christina Klenner vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Auch Hermann Gartner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erwartet einen solchen Effekt. Erhebungen gibt es aber noch nicht.

Wie soll die Ungleichheit sonst noch überwunden werden?

Union und SPD haben sich in ihrem Koalitionsvertrag darauf festgelegt, die Entwicklung zumindest abzumildern. Ein Ziel ist demnach, dass Unternehmen ab 500 Beschäftigte künftig transparenter machen sollen, was Frauen und Männer verdienen. Einen Gesetzesentwurf gibt es allerdings noch nicht.

Wenn es solche Zahlen gäbe, könnten wir mit einer Art Behandlungsplan systematisch vorgehen. Leider weiß niemand, welcher Faktor welchen Einfluss hat. Deswegen müssen wir parallel an allem arbeiten. Klar ist: Es besteht Handlungsbedarf! Denn selbst das „bereinigte“ Gender Pay Gap wird niemand ernsthaft als fair, gut und richtig bezeichnen.

Es geht Ihnen also gar nicht so sehr um die Zahl, sondern um Transparenz?
Transparenz spielt in dieser Diskussion eine sehr große Rolle. Ich verspreche mir da viel vom Entgelttransparenzgesetz, das noch diesen Sommer verabschiedet wird. Es geht um die strukturellen Benachteiligungen, die in jeder Statistik auftauchen, die uns unbewusst sind, von denen wir aber abstrakt wissen, dass es sie gibt. Das Gesetz wird diese Ungerechtigkeiten sichtbar, bewusst und konkret machen. Das Gesetz schafft Transparenz und hilft Unternehmen für gerechte Bezahlung zu sorgen.

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