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12.06.2017

09:00 Uhr

Digital-Gipfel 2017

Die Regierung sollte sich am Mittelstand ein Beispiel nehmen

Von: Kerstin Dämon

Kommentar  Vor drei Jahren hat die Bundesregierung die Digitale Agenda auf den Weg gebracht. Ihre Themenfelder: Ausbau der digitalen Infrastruktur, Cyber-Sicherheit, Arbeit 4.0. Erreicht hat sie: nichts.

Die Bundesregierung lobt sich für ihre digitale Agenda und setzt sich schon die nächsten Digitalziele. Dabei sind die Grundprobleme überhaupt nicht gelöst. dpa

Die Bundesregierung lobt sich für ihre digitale Agenda und setzt sich schon die nächsten Digitalziele. Dabei sind die Grundprobleme überhaupt nicht gelöst.

Der Digital-Gipfel der Bundesregierung beginnt. Zwei Tage dauert das Spektakel in Ludwigshafen. Außer heißer Luft und großer Versprechungen ist nicht viel zu erwarten.

Bevor über die digitale Zukunft des Landes diskutiert wird, wollen Vertreter von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft den bisherigen digitalen Wandel in Deutschland reflektieren. Um den anzutreiben, rief die Bundesregierung im Jahr 2014 die digitale Agenda ins Leben gerufen. Sie ging leider krachend in die Hose.

Bis zum Jahr 2017 sollte eine flächendeckende digitale Infrastruktur in Deutschland existieren, „Schnelles Internet für alle. Überall“ lautete die Forderung. Die zweite Säule der Agenda hieß „Gut vernetzt. Mit Sicherheit“ und die dritte „Made in Germany wird digital“. Vereinzelt mag es Projekte ja geben, die funktionieren. Durch die Bank ist die Bilanz allerdings vernichtend:

Glasfaserausbau? Fehlanzeige

Was Säule eins betrifft – die digitale Infrastruktur – ist die Bundesrepublik auf der Kriechspur unterwegs, wie eine Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung belegt. In Deutschland haben nur 6,6 Prozent der Haushalte schnelles Internet. Im ländlichen Bereich liege die Abdeckung mit Breitband sogar nur bei 1,4 Prozent. Zum Vergleich: In Estland haben 73 Prozent der Haushalte Glasfaseranschluss. Im OECD-Vergleich belegt Deutschland bei der Versorgung mit Glasfaseranschlüssen Platz 28 von 32.

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Der Mittelstand hofft, mit dem Internet 4.0 den Durchbruch ins Digitalzeitalter zu schaffen. Dafür bräuchte er schnelles und vor Cyberattacken sicheres Internet. Beides ist derzeit eine Illusion in Deutschland.

Ursache für das Hinterherhinken Deutschlands? Zum einen vergleichsweise unambitionierte nationale Ziele. Und dass die Politik im Superwahljahr 2017 lieber Steuersenkungen verspricht, als milliardenschwere Ausgaben für den Glasfaserausbau - ein Schelm, wer Böses denkt.

Von Cybersicherheit keine Spur

Zweite Säule: „Gut vernetzt. Mit Sicherheit“. Wie es um die Sicherheit und den Schutz gegenüber Cyberkriminellen steht, hat der jüngste Großangriff mit Ransomware im Mai gezeigt. Stichwort: WannaCry. Viele Unternehmen haben Computerschwachstellen, die von Cyberkriminellen ausgenutzt werden können. Die Betroffenen ahnen das nicht mal. Zwar denkt die Bundesregierung seit Januar laut über eine Mini-NSA nach - die rechtliche Grundlage dafür fehlt aber genauso wie die Leute, die das Zeug dazu hätten, au nationaler Ebene für Cybersicherheit zu sorgen.

Angriffsziele von aufsehenerregenden Cyberangriffen

Energie-Infrastruktur

Im Dezember 2015 fiel für mehr als 80.000 Menschen in der Ukraine der Strom aus. Zwei große Stromversorger erklärten, die Ursache sein ein Hacker-Angriff gewesen. Es wäre der erste bestätigte erfolgreiche Cyberangriff auf das Energienetz. Ukrainische Behörden und internationale Sicherheitsexperten vermuten eine Attacke aus Russland.

Krankenhäuser

Im Februar 2016 legt ein Erpressungstrojaner die IT-Systeme des Lukaskrankenhauses in Neuss lahm. Es ist die gleiche Software, die oft auch Verbraucher trifft: Sie verschlüsselt den Inhalt eines Rechners und vom Nutzer wird eine Zahlung für die Entschlüsselung verlangt. Auch andere Krankenhäuser sollen betroffen gewesen sein, hätten dies aber geheim gehalten.

Rathäuser

Ähnliche Erpressungstrojaner trafen im Februar auch die Verwaltungen der westfälischen Stadt Rheine und der bayerischen Kommune Dettelbach. Experten erklären, Behörden gerieten bei den breiten Angriffen eher zufällig ins Visier.

Öffentlicher Nahverkehr

In San Francisco konnte man am vergangenen Wochenende kostenlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, weil die rund 2000 Ticket-Automaten von Erpressungs-Software befallen wurden. Laut einem Medienbericht verlangten die Angreifer 73 000 Dollar für die Entsperrung.

Bundestag

Im Mai 2015 fallen verdächtige Aktivitäten im Computernetz des Parlaments auf. Die Angreifer konnten sich so weitreichenden Zugang verschaffen, das die Bundestags-IT ausgetauscht werden. Als Urheber wird die Hacker-Gruppe APT28 vermutet, der Verbindungen zu russischen Geheimdiensten nachgesagt werden.

US-Demokraten

Die selbe Hacker-Gruppe soll nach Angaben amerikanischer Experten auch den Parteivorstand der Demokraten in den USA und die E-Mails von Hillary Clintons Wahlkampf-Stabschef John Podesta gehackt haben. Nach der Attacke im März wurden die E-Mails wirksam in der Schlussphase des Präsidentschaftswahlkampfs im Oktober 2016 veröffentlicht.

Doping-Kontrolleure

APT28 könnte auch hinter dem Hack der Weltdopingagentur WADA stecken. Die Angreifer veröffentlichen im September 2016 Unterlagen zu Ausnahmegenehmigungen zur Einnahme von Medikamenten, mit einem Fokus auf US-Sportler.

Sony Pictures

Ein Angriff, hinter dem Hacker aus Nordkorea vermutet wurden, legte im November für Wochen das gesamte Computernetz des Filmstudios lahm. Zudem wurden E-Mails aus mehreren Jahren erbeutet. Es war das erste Mal, dass ein Unternehmen durch eine Hackerattacke zu Papier und Fax zurückgeworfen wurde. Die Veröffentlichung vertraulicher Nachrichten sorgte für unangenehme Momente für mehrere Hollywood-Player.

Yahoo

Bei dem bisher größten bekanntgewordenen Datendiebstahl verschaffen sich Angreifer Zugang zu Informationen von mindestens einer Milliarde Nutzer des Internet-Konzerns. Es gehe um Namen, E-Mail-Adressen, Telefonnummern, Geburtsdaten und verschlüsselte Passwörter. Der Angriff aus dem Jahr 2014 wurde erst im vergangenen September bekannt.

Target

Ein Hack der Kassensysteme des US-Supermarkt-Betreibers Target macht Kreditkarten-Daten von 110 Millionen Kunden zur Beute. Die Angreifer konnten sich einige Zeit unbemerkt im Netz bewegen. Die Verkäufe von Target sackten nach der Bekanntgabe des Zwischenfalls im Dezember 2013 ab, weil Kunden die Läden mieden.

Ashley Madison

Eine Hacker-Gruppe stahl im Juli 2015 Daten von rund 37 Millionen Kunden des Dating-Portals. Da Ashley Madison den Nutzern besondere Vertraulichkeit beim Fremdgehen versprach, erschütterten die Enthüllungen das Leben vieler Kunden.

Thyssenkrupp

Im Frühjahr 2016 haben Hacker den Industriekonzern Thyssenkrupp angegriffen. Sie hatten in den IT-Systemen versteckte Zugänge platziert, um wertvolles Know-how auszuspähen. In einer sechsmonatigen Abwehrschlacht haben die IT-Experten des Konzerns den Angriff abgewehrt – ohne, dass einer der 150.000 Mitarbeiter des Konzerns es mitbekommen hat. Die WirtschaftsWoche hatte die Abwehr begleitet und einen exklusiven Report erstellt.

WannaCry

Im Mai 2017 ging die Ransomware-Attacke "WannaCry" um die Welt – mehr als 200.000 Geräte in 150 Ländern waren betroffen. Eine bislang unbekannte Hackergruppe hatte die Kontrolle über die befallenen Computer übernommen und Lösegeld gefordert – nach der Zahlung sollten die verschlüsselten Daten wieder freigegeben werden. In Großbritannien und Frankreich waren viele Einrichtungen betroffen, unter anderem Krankenhäuser. In Deutschland betraf es vor allem die Deutsche Bahn.

Immerhin läuft es bei der Digitalisierung der Unternehmen in Deutschland. Also dem Bereich, in dem die Bundesregierung das geringste Mitspracherecht hat. Der Mittelstand ist zwar nicht weltweit führend, hat die Bedeutung von IoT und anderen Digitalthemen aber durchaus erkannt und investiert entsprechend. Daran könnte sich die Regierung ein Beispiel nehmen, bevor sie sich Themen wie digitale Gesundheit, digitale Transformation der Wirtschaft sowie Verwaltung und intelligente Vernetzung von Regionen auf die Agenda schreibt.

Das nämlich tut sie auf dem Digitalgipfel. Man könnte auch sagen, sie plant das Dach, bevor das Fundament gelegt ist. Dass das nicht funktionieren kann, könnte den Damen und Herren jeder Maurerlehrling erzählen.

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