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03.12.2017

17:15 Uhr

Es klingt nach einem ganz nüchternen und unspektakulären Forschungsauftrag: Wie das Niedrigzinsumfeld das Verhalten der Sparer beeinflusst, sollten Ökonomen für die Bank ING DiBa herausfinden. Klar, zum Thema Niedrigzins wurde schon so viel gesagt und geschrieben, vieles davon mehr als einmal und oft von gleicher Stelle. Trotzdem ist es dem Wissenschaftlerteam um Martin Weber und Oliver Lerbs von der Universität Mannheim gelungen, noch etwas Neues dazu herauszufinden.

Zunächst liefert die ZEW-Studie den empirischen Beleg für vieles, was man schon immer über das Sparen zu wissen glaubte. Andererseits räumt sie mit Klischees über das Sparen auf. Befragt wurden 3600 Kunden der ING DiBa, daher sind die Ergebnisse strenggenommen nicht repräsentativ für die Gesamtheit der Bankkundschaft. Doch dürften die ING-DiBa-Kunden nicht so außergewöhnlich sein, dass sich ihre Antworten nicht verallgemeinern ließen – mit aller gebotenen statistischen Vorsicht natürlich.

Was Ökonomen besonders erstaunt: Sparer ignorieren die Niedrigzinsen weitestgehend und stopfen ihre Konten mit Geld voll, obwohl das unterm Strich Verluste bringt. Bankberater dürften das schon gewusst haben. Dieses Hamstern wird nachvollziehbar, wenn man bedenkt, wie ungleich das Geldvermögen unter den Leuten verteilt ist. Die Mehrheit besitzt wenig und hält sich daher lieber einen liquiden Notgroschen für die kaputte Waschmaschine oder die Autoreparatur zurück, statt das Geld in eine Siemensaktie zu stecken, selbst wenn das Wertpapier mit Kurssteigerungen und Dividenden lockt.

Vermögende Kunden dagegen haben die Vorteile von Wertpapieren gegenüber Spareinlagen erkannt. Das liegt nicht daran, dass sie cleverer wären als die Ärmeren, sondern schlicht daran, dass sie mehr freies Vermögen haben, das sie anlegen können.

Generationen von Ökonomen haben an der Frage herumgeforscht, warum Menschen sparen. Ist es der Wunsch, sich irgendwann ein Haus oder ein Auto zu kaufen? Ist es die Angst vor der Zukunft oder vor Altersarmut? Diese in der Wirtschaftstheorie weit verbreiteten und auf den ersten Blick schlüssigen Vorstellungen spielen in der Realität aber eine untergeordnete Rolle. Die Befragung der ING DiBa-Kunden gibt eine viel simplere Antwort auf die Frage, unter welchen Voraussetzungen Leute sparen: Wenn sie Geld übrig haben.

Das Sparverhalten der Deutschen im Ländervergleich

Baden-Württemberg

Sparbuch: 53,8 Prozent
Festgeld: 41,6 Prozent
Wertpapiere/Fonds: 31,1 Prozent
Vermögenswirksame Leistungen: 29,2 Prozent
Fonds: 12,7 Prozent
Fondssparpläne: 9,5 Prozent

Quelle Forsa/Union Investment; Stand: März 2017

Bayern

Sparbuch: 59,8 Prozent
Festgeld: 41,5 Prozent
Wertpapiere/Fonds: 34,9 Prozent
Vermögenswirksame Leistungen: 29,0 Prozent
Fonds: 17,4 Prozent
Fondssparpläne: 9,5 Prozent

Berlin

Sparbuch: 36,5 Prozent
Festgeld: 37,5 Prozent
Wertpapiere/Fonds: 26,3 Prozent
Vermögenswirksame Leistungen: 27,9 Prozent
Fonds: 9,9 Prozent
Fondssparpläne: 5,7 Prozent

Brandenburg

Sparbuch: 40,0 Prozent
Festgeld: 40,1 Prozent
Wertpapiere/Fonds: 28,9 Prozent
Vermögenswirksame Leistungen: 27,9 Prozent
Fonds: 10,6 Prozent
Fondssparpläne: 10,5 Prozent

Hamburg

Sparbuch: 55,3 Prozent
Festgeld: 36,0 Prozent
Wertpapiere/Fonds: 31,0 Prozent
Vermögenswirksame Leistungen: 19,7 Prozent
Fonds: 13,7 Prozent
Fondssparpläne: 10,0 Prozent

Hessen

Sparbuch: 53,3 Prozent
Festgeld: 44,3 Prozent
Wertpapiere/Fonds: 34,0 Prozent
Vermögenswirksame Leistungen: 28,3 Prozent
Fonds: 14,7 Prozent
Fondssparpläne: 9,9 Prozent

Mecklenburg-Vorpommern

Sparbuch: 42,8 Prozent
Festgeld: 36,2 Prozent
Wertpapiere/Fonds: 18,1 Prozent
Vermögenswirksame Leistungen: 15,0 Prozent
Fonds: 8,2 Prozent
Fondssparpläne: 3,8 Prozent

Niedersachsen & Bremen

Sparbuch: 52,3 Prozent
Festgeld: 34,4 Prozent
Wertpapiere/Fonds: 25,1 Prozent
Vermögenswirksame Leistungen: 25,1 Prozent
Fonds: 10,1 Prozent
Fondssparpläne: 10,9 Prozent

Nordrhein-Westfalen

Sparbuch: 56,3 Prozent
Festgeld: 38,0 Prozent
Wertpapiere/Fonds: 28,4 Prozent
Vermögenswirksame Leistungen: 28,2 Prozent
Fonds: 12,3 Prozent
Fondssparpläne: 8,1 Prozent

Rheinland-Pfalz & Saarland

Sparbuch: 56,0 Prozent
Festgeld: 42,0 Prozent
Wertpapiere/Fonds: 28,0 Prozent
Vermögenswirksame Leistungen: 28,7 Prozent
Fonds: 14,3 Prozent
Fondssparpläne: 9,1 Prozent

Sachsen

Sparbuch: 40,3 Prozent
Festgeld: 43,2 Prozent
Wertpapiere/Fonds: 25,2 Prozent
Vermögenswirksame Leistungen: 22,7 Prozent
Fonds: 12,6 Prozent
Fondssparpläne: 7,0 Prozent

Sachsen-Anhalt

Sparbuch: 47,9 Prozent
Festgeld: 32,9 Prozent
Wertpapiere/Fonds: 21,4 Prozent
Vermögenswirksame Leistungen: 22,6 Prozent
Fonds: 11,2 Prozent
Fondssparpläne: 4,2 Prozent

Schleswig-Holstein

Sparbuch: 53,2 Prozent
Festgeld: 36,7 Prozent

Wertpapiere/Fonds: 32,7 Prozent
Vermögenswirksame Leistungen: 25,2 Prozent
Fonds: 16,3 Prozent
Fondssparpläne: 11,4 Prozent

Thüringen

Sparbuch: 46,3 Prozent
Festgeld: 35,0 Prozent
Wertpapiere/Fonds: 24,9 Prozent
Vermögenswirksame Leistungen: 29,0 Prozent
Fonds: 13,4 Prozent
Fondssparpläne: 9,3 Prozent

Das menschliche Denken scheint einfach nicht zum Sparen gemacht. Evolution und so. Wir denken in nominalen Größen und nicht in realen. Zu erkennen ist das am Sparverhalten. Solange der Nominalzins noch eine Haaresbreite über der Nulllinie notiert, lassen wir das Geld auf dem Konto. Ungeachtet der Tatsache, dass wir nach Abzug der jährlichen Geldentwertung bei realer Betrachtung schon längst unter die Nulllinie gerutscht sind. Das interessiert aber keinen wirklich.

Ganz anders reagieren wir, wenn der Nominalzins in den negativen Bereich rutscht. Dann nämlich hat es mit der Geduld des Sparers plötzlich ein Ende und er hebt frustriert sein Geld ab. So würden 36 Prozent der von den ZEW-Wissenschaftlern befragten Bankkunden auf den gefürchteten Negativzins reagieren. Das ist nichts anderes als ein Bankrun, also ein Massenansturm auf die Banken, der das gesamte Finanzsystem in Gefahr bringen kann.

Sollte ein solches Szenario ausbrechen, müssten die Geldtransportfirmen kolonnenweise durch die Straßen fahren, um die Geldausgabeautomaten nachzufüllen. Das Benzin würde knapp. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise waren wir übrigens schon fast mal soweit. Was Wirtschaft und Gesellschaft vor dem Zusammenbruch rettete, war eine Notlüge der Bundeskanzlerin und ihres damaligen Finanzministers Peer Steinbrück. Sie versicherten den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher seien. Für diesen Bluff können wir den beiden nicht dankbar genug sein.

Für die Banken kann die Botschaft der ZEW-Studie an dieser Stelle nur lauten: Finger weg vom Negativzins für Normalsparer.

Wer das Geld frustriert vom Konto räumt, würde es dann allerdings nicht in Aktien stecken. Stattdessen landet der Großteil der vor dem Negativzins geretteten Ersparnisse unter dem Kopfkissen, wie die Befragten preisgeben. Der Anfang ist gemacht, denn schon seit der Europäischen Staatsschuldenkrise steigt der Bargeldumlauf in Deutschland drastisch – von grob 100 Milliarden Euro in 2012 auf rund 180 Milliarden Euro. Kein Wunder, dass Bankkunden laut ZEW-Umfrage den hohen Gebühren für Schließfächer mehr Verständnis entgegenbringen als den im Vergleich dazu noch halbwegs überschaubaren Gebühren für Girokonten und andere Bankdienstleistungen.

Der vielzitierte Hang des deutschen Sparers zu täglich fälligen Einlagen ist übrigens nicht in dessen DNA verwurzelt, wie so oft behauptet wird. Der Trend zum kurzfristigen Sparen ist erst durch die Krise von 2008 so richtig in Gang gekommen, wie Martin Schmidberger von der ING DiBa anhand der Bundesbankstatistik nachweist. Und die für typisch deutsch gehaltene Aktien-Skepis ist laut seiner Zahlen in vielen europäischen Nachbarländern ebenso verbreitet.

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