WirtschaftsWoche

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11.01.2018

12:30 Uhr

Überschuldung

Wie eine Rentnerin Haus und Hof verlor

Von: Mark Fehr

  Bankschulden machten die einst wohlhabende Witwe Gisela Flauder fast zur Obdachlosen. Ihr Schicksal zeigt, in welche Hölle Überschuldete geraten können.

Eine verwitwete Kleinunternehmerin kann Bankschulden nicht bedienen. Von ihrer Witwenrente muss sie noch die Kosten des Rechtsstreits mit der Bank abstottern. dpa

Eine verwitwete Kleinunternehmerin kann Bankschulden nicht bedienen. Von ihrer Witwenrente muss sie noch die Kosten des Rechtsstreits mit der Bank abstottern.

Gisela Flauder meldet sich auf dem Mobiltelefon. Sie ist verzweifelt. Kein Wunder, denn die Umstände des Telefonats sind aufwühlend. Die Rentnerin ruft aus dem Bezirkskrankenhaus Bayreuth an – über ein Handy, das sie sich von einer Zimmergenossin geborgt hat. Das Bezirkskrankenhaus Bayreuth ist ganz nüchtern formuliert eine Spezialklinik für psychische, psychosomatische und neuropsychologische Krankheiten. Eine Nervenheilanstalt. Bundesweit bekannt wurde die Einrichtung, weil dort das Justizopfer Gustl Mollath bis 2013 jahrelang gegen seinen Willen untergebracht und behandelt wurde. Auch Flauder ist dort nicht etwa gelandet, weil sie geisteskrank wäre. Doch der Reihe nach.

Die 71-jährige Witwe aus dem oberfränkischen Kulmbach kann ihre Bankschulden bei der Sparkasse Kulmbach-Kronach nicht bezahlen. Als sie sich im April per Handy bei der WirtschaftsWoche meldet, ist ihr als Kreditsicherheit hinterlegtes Wohnhaus gerade zwangsversteigert worden. Sie ist so verzweifelt, dass sie ihren Fall öffentlich machen will.

Für Gisela Flauder ist es ein tiefer Fall. Gemeinsam mit ihrem 2012 verstorbenen Mann betrieb sie ein lokales Modegeschäft und war in ihrem oberfränkischen Städtchen als tüchtige Kleinunternehmerin bekannt. Doch der Textileinzelhandel in ländlichen Regionen ist wegen des boomenden Onlinegeschäfts vom Aussterben bedroht – eine Entwicklung, von der offenbar auch Flauders Laden nicht verschont blieb. So begannen um das Jahr 2010 die finanziellen Schwierigkeiten, die sich verschärften als Flauders Mann zum Pflegefall wurde.

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Trotz guter Konjunktur der deutschen Wirtschaft ist Überschuldung ein Massenphänomen - wenn auch nicht bei jedem Betroffenen mit so drastischen Folgen wie bei Gisela Flauder. Laut dem Bonitätsauskunftsunternehmen Creditreform stieg die Zahl der überschuldeten Deutschen im Jahr 2017 um 65.000 auf 6,9 Millionen Personen. Gut jeder zehnte Erwachsene kämpft mit dem existenzbedrohenden Problem, dass seine Ausgaben dauerhaft sein Einkommen übersteigen.

Flauders Gläubigerin, die Sparkasse Kulmbach-Kronach, kann aufgrund des Bankgeheimnisses nur allgemein auf Fragen der WirtschaftsWoche zum Fall Flauder antworten und betont, dass sie als regionales Kreditinstitut aufgrund ihrer Verbundenheit mit der Bevölkerung in ihrem Geschäftsgebiet stets bestrebt sei, Zwangsversteigerungen zu verhindern und andere Lösungen zu finden. Dabei sei man aber auf die Mitwirkung der betroffenen Kunden angewiesen, die eigene Vorschläge zur Rückführung der Forderung unterbreiten müssten. Sofern jedoch Kunden die Existenz von Forderungen oder Teilen davon bestreiten, könnten solche wirtschaftlich vertretbaren Lösungen nicht umgesetzt werden.

Letzteres war auch das Problem bei der Rentnerin Flauder. Sie ist überzeugt, einen Teil des Darlehens gar nicht erhalten zu haben. Dieser Streitpunkt war aus Sicht der Gerichte allerdings nicht entscheidend, weil auch ohne den strittigen Teil genug Schulden bestanden haben sollen, um eine Zwangsvollstreckung einzuleiten.

Aus Telefonaten mit Nachbarn und Bekannten von Gisela Flauder ergibt sich, dass die Schuldnerin von Verwandten und Freunden weitgehend allein mit ihrem Schicksal gelassen wurde und zunächst wohl auch nicht sofort an kompetente Rechtsanwälte geriet. Erst später stieß sie dann auf Juristen, die zumindest versuchten, das rechtlich maximal Mögliche herauszuholen.

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