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04.10.2017

11:47 Uhr

Frost und Hagel zerstörten Trauben

"Kleinste Weinernte seit dem Jahr 2000"

Von: tus, dpa

  Für die deutschen Winzer geht ein turbulentes Jahr zu Ende. In den meisten Anbaugebieten ist die Ernte bereits zum größten Teil in den Fässern - ungewöhnlich früh. Da auch europaweit weniger Trauben geerntet wurden, könnten die Preise anziehen.

Durch Hagel und Frost nahmen viele Trauben in den deutschen Weinbaugebieten Schaden. dpa

Durch Hagel und Frost nahmen viele Trauben in den deutschen Weinbaugebieten Schaden.

Es waren keine schönen Szenen, die Dirk Würtz Anfang August in Videos zeigte. Zwei Tage nach einem starken Hagelniederschlag filmte der Betriebsleiter des Rheingauer Weinguts Balthasar Ress Trauben. Die eine Seite zeigt gesunde Weintrauben, die zur Hagelseite gewachsene grünbraune, zerstörte Einzeltrauben. Wenn es trocken bliebe, so der Winzer in seinem Video, wäre es noch kein Drama. Bliebe es jedoch feuchtwarm, könnten die Trauben verfaulen - und man stünde kurz vor einem Desaster. Der Weinkritiker Stuart Pigott kommentierte das Filmmaterial so: "Das sieht ziemlich schrecklich aus."

Das Deutsche Weininstitut in Bodenheim bei Mainz fasst die Lage des Jahrgangs für alle Anbaugebiete nüchterner zusammen: Der Weinjahrgang 2017 zeichne sich durch eine geringe Erntemenge und gute bis sehr gute Qualitäten aus. Die Hauptlese sei in vielen Anbaugebieten bereits beendet, sagte Institutssprecher Ernst Büscher. „Das ist sehr außergewöhnlich.“ Noch gelesen wird vor allem an der Mosel und im Rheingau, wo der Riesling dominiert.

Das Wetter hat es 2017 in vielen Anbaugebieten den Weinbauern erneut schwer gemacht. Gleich zu Beginn ließen späte Fröste teilweise die ausgetriebenen Blüten absterben. Der Winzer Matthias Knebel aus Winningen an der Mosel hatte es Ende April mit unerwarteten Minusgraden zu tun. Europaweit war bereits vergangenes Jahr das Frühjahr teils eisig, die Winzer heizten mit Gasfeuern die Weinberge auf. Oft vergeblich.

Weinbau : "Alte Reben" - Marketing oder Mythos?

Weinbau

"Alte Reben" - Marketing oder Mythos?

"Alte Reben" steht immer öfter auf Etiketten von Weinen. Das verspricht einen besonderen Genuss. Wie alt die Reben sein müssen, ist jedoch ungeregelt. Die Wissenschaft zweifelt, ob es überhaupt einen Unterschied macht.

Was fehlt: Die Menge. Sie wird in allen Weinanbaugebiete in Deutschland vorläufig auf 7,5 Millionen Hektoliter geschätzt. Das wären 18 Prozent weniger als im vergangenen Jahr und auch 18 Prozent weniger als im langjährigen Mittel, erklärte Büscher. Er erwartet, dass sich die Preise wegen des Ernterückgangs „wahrscheinlich etwas nach oben entwickeln“. Da es noch Reserven aus früheren Jahrgängen gebe und der Markt nur eine begrenzte Anpassung zulasse, werde der Anstieg gemäßigt ausfallen.

In Rheinhessen kamen schätzungsweise 1,8 Millionen Hektoliter Wein in die Fässer (minus 20 Prozent), in der Pfalz waren es etwa zwei Millionen Hektoliter (minus 19 Prozent). Höher fiel der Rückgang an der Mosel aus, wo mit einem Verlust von 25 Prozent gerechnet wird - dort hatte sich im September der Nebel sehr lange im Tal gehalten, so dass die Trauben schnell reingeholt werden mussten.

Was darf, was muss, was kann auf einem Weinetikett stehen?

Qualitätsstufe

Auf Anhieb die einfachste Kategorie. Die Weingesetze schreiben den Produzenten recht genau vor, wann ihr Wein eine der verschiedenen Einordnungen erfüllt und damit auf dem Etikett bezeichnet wird. Eine Spätlese muss bestimmte Bedingungen erfüllen, wie Termin der Lese. Oder das Most-Gewicht, oder auch Oechsle-Grad - vulgo: Zuckergehalt der Traube. Es kommt jedoch vor, dass renommierte Winzer Weine so ausbauen, dass sie den gesetzlichen Vorgaben genügen, aber für sie selbst die Spitze ihrer Erzeugnisse darstellen und deswegen keines der Prädikate tragen.

Geografische Herkunft

Wenn der Wein Prädikat trägt, wie zum Beispiel Kabinett oder Spätlese, dann ist oft vorgeschrieben, dass auch die Lage, aus der der Wein stammt, aufgeführt ist. Viele sehr bekannte Weinbergslagen in Deutschland werden von mehreren Winzern betrieben. Die Unterschiede in der Qualität kann dementsprechend sehr unterschiedlich ausfallen.

Abfüller

Wer hat den Wein in die Flasche gefüllt? Das erläutert die Angabe "Abfüller".

Alkoholgehalt

Die für den Laien am leichtesten zu verstehende und einzuordnende Angabe: Die des Alkoholgehalts. Er wird in Volumenprozent angegeben. Er rangiert von teilweise 6,5 bei edelsüßen Weinen bis 15,5, gar 16 Prozent bei Rotweinen meist aus Übersee.

Nennvolumen

Das ist die Angabe über die Menge des Weins. In Deutschland wird Wein in Flaschen von 0,375, 0,5, 0,75, 1, 1,5 und mehr Litern abgefüllt. Die größte Flasche mit 18 Litern trägt den Zusatznamen Melchior.

Loskennzeichnung

Besitzt ein Wein keine Amtliche Prüfungsnummer, wird eine Loskennzeichnung angegeben. Die erlaubt es, die Flasche einem Produzenten zuzuordnen.

Amtliche Prüfungsnummer

Sie belegt, dass der Wein einer amtlichen Qualitätsprüfung unterzogen wurde. Die Produzenten beantragen diese, um den Wein als Qualitätswein deklarieren zu dürfen. Teil der Prüfung ist auch eine sensorische Prüfung. Dabei soll vermieden werden, dass fehlerhafte Weine als Qualitätsweine in den Handel kommen. In den vergangenen Jahren ist es dennoch immer wieder vorgekommen, dass Winzer mit ungewöhnlichen Weinen, die von Kritikern hoch gelobt werden, bei der Qualitätsprüfung durchfielen.

Enthält Sulfite

Wein darf mit Schwefel angereichert werden, damit er stabil reift. Versetzt der Winzer den Wein mit Schwefel, muss er dies auf dem Etikett deklarieren. In den vergangenen Jahren setzen jedoch vermehrt Winzer darauf, auf Schwefel zu verzichten.

Kasein, Ovalbumin

iWird einer dieser beiden Stoffe dem Wein zugesetzt, dann muss das auf dem Etikett gekennzeichnet sein. Es handelt sich um eiweißhaltige Schönungsmitel zur Klärung von Weinen.

Im Rheingau gelangten etwa 180.000 Hektoliter aus den Weinbergen ins Fass, 18 Prozent weniger als im vergangenen Jahr. Im kleinsten deutschen Weinanbaugebiet, der Hessischen Bergstraße, gab es ebenfalls ein Minus um 17 Prozent auf 25.000 Hektoliter.

Die Württemberger Winzer mussten wegen großer Frostschäden ebenfalls einen Mengenrückgang von etwa 20 Prozent hinnehmen. Nur im Osten blieben die Anbaugebiete Saale-Unstrut und Sachsen von schlechtem Wetter verschont und konnten die Erntemenge um 30 Prozent steigern.

„Es war ein sehr turbulentes Jahr für die Winzer“, sagte Büscher. Der September begann vielfach kühl und regnerisch, was die Lese noch einmal beschleunigte: „Die Winzer wollten so gesundes Lesegut wie möglich ernten.“

Für einen Qualitätsschub sorgten vielfach die letzten Septemberwochen mit viel Sonne. „Durch die frühe Reife sind die Mostgewichte und Qualitäten durchaus gut bis sehr gut“, sagte Bücher. Auch die Rotweine seien gut gelungen.

Die Mitglieder der Winzergenossenschaft Weingebiet in Neustadt an der Weinstraße haben ihre Weinlese auch schon beendet. „So früh waren wir noch nie fertig“, sagte ein Sprecher. „Wozu wir sonst 30 Erntetage brauchten, haben wir diesmal in 20 geschafft.“ Bei etwas geringerer Menge sei die Qualität sehr gut ausgefallen.

Die deutschen Winzer stehen mit dem Ernterückgang nicht allein da. „Europaweit scheint sich in diesem Jahr die kleinste Ernte seit 2000 abzuzeichnen“, sagte Büscher. Mit 146 Millionen Hektolitern werde die europaweite Menge um 14 Prozent schlechter ausfallen als 2016. Der Rückgang in Italien von 11 und in Frankreich von 8,4 Millionen Hektolitern sei jeweils größer als der Gesamtertrag deutscher Winzer.

Auch die Winzer Würtz und Knebel haben die Schrecken des Jahres verdaut. Das, was sie dieser Tage von den Reben ernten, ist vielleicht weniger, aber gesund. Bilder und Videos von reifen, gesunden Trauben, die sie mit Freude zeigen.

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