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29.09.2017

09:57 Uhr

Klimawandel

Wein von den britischen Inseln

Von: dpa

  Großbritannien ist traditionell keine Winzernation. Doch inzwischen produzieren die Briten immer mehr Wein. Der Klimawandel macht es möglich.

Winzerin Liz Garrett steht in Bolney an einem Weinberg vom Weingut Bolney. dpa

Winzerin Liz Garrett steht in Bolney an einem Weinberg vom Weingut Bolney.

Grüne Weinstöcke, blauer Himmel mit Schäfchenwolken und eine kleine Weinkellerei, in der ein Mann silberne Gärtanks mit einem Wasserschlauch reinigt. Eineinhalb Autostunden südlich von London entfernt bereiten sich die Winzer des Weinguts Bolney auf die geschäftigste Zeit des Jahres vor. In wenigen Tagen ist es soweit, dann läuft hier die Weinproduktion wieder auf Hochtouren.

Rotweine, Weißweine, Schaumweine: Bis zu 120 000 Flaschen verlassen jährlich das Gut in der Grafschaft West Sussex. Die Trauben, die auf dem hauseigenen, 15 Hektar großen Weinberg wachsen, reichen für diese Menge Wein nicht aus. „Etwa die Hälfte der Früchte kaufen wir von englischen Weinbauern ein“, erklärt Winzerin Liz Garrett, eine von zwei Bolney-Winzern. Dennoch will der Familienbetrieb wachsen: 2018 soll eine zweite Kellerei entstehen.

Bolney folgt damit einem Trend. In Großbritannien wird immer mehr Wein angebaut und produziert. Statistiken der britischen Verbraucherschutzbehörde zufolge wurden in Großbritannien im Jahr 2015 gut fünf Millionen Flaschen Wein hergestellt. Zehn Jahre zuvor waren es nur 1,7 Millionen Flaschen, also rund ein Drittel.

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Ein entscheidender Grund für den Produktionsanstieg ist das heute mildere Wetter. „Im Zuge des Klimawandels wird Großbritannien immer mehr Wein anbauen und produzieren können“, erklärt der Präsident der Sommelier-Union Deutschland, Peer Holm. Von den veränderten Begebenheiten wollen schon heute auch Weinhäuser aus anderen Ländern profitieren. So baute laut der Zeitung „Guardian“ das renommierte Champagnerhaus Taittinger in diesem Jahr erstmals Reben in Großbritannien an.

Doch die Bedingungen für Winzer in Großbritannien waren nicht immer so günstig wie heute. An den harten Weg, bevor das Wetter milder wurde, erinnert sich Chris Foss noch gut. Seit 29 Jahren leitet er das Fachgebiet Wein an der Hochschule in Plumpton. Die Lehranstalt ist die einzige in Großbritannien, an der Studenten einen Bachelor-Abschluss im Fach Weinproduktion erlangen können.

„Fast alle Kellereien in Großbritannien beschäftigen Absolventen von Plumpton“, sagt Foss stolz. Als er 1988 in Plumpton anfing, wuchsen auf dem Weinberg der Hochschule nur zwei Reihen Weinreben. Viele Früchte wollten einfach nicht reifen. Mittlerweile bewirtschaften die Studenten einen acht Hektar großen Weinberg. Ihre Weine sind mehrfach preisgekrönt. Zuletzt zeichnete die Jury der Champagner und Schaumwein Weltmeisterschaft 2017 den Schaumwein „Dean Blush“ mit einer Goldmedaille aus.

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Tatsächlich ist es vor allem Sekt aus Großbritannien, der von sich reden macht. „Die britischen Schaumweine werden beispielsweise bei Blindverkostungen gereicht und stechen immer wieder positiv hervor“, sagt Sommelier Holm. „Ich habe bereits einige Schaumweine aus Großbritannien im Glas gehabt, die grandios waren.“

Gute Stillweine aus dem Königreich finde man seiner Meinung nach bisher jedoch „nur in homöopathischen Mengen“. Generell sind Weine aus Großbritannien außerhalb von Expertenkreisen in Deutschland kaum bekannt. Das hängt auch mit den sehr geringen Exportmengen zusammen. Laut Statistischem Bundesamt importierte Deutschland 2015 rund 18 Tonnen Wein aus Großbritannien. Zum Vergleich: Aus Italien wurden im selben Jahr rund 564 675 Tonnen Wein importiert.

Auch das Weingut Bolney exportiert bisher nur rund fünf Prozent der Produktion ins Ausland. Erst eine Lieferung ging nach Deutschland. Ihren Bestseller, den Sekt „Blanc de Blancs“, bekommen internationale Weinliebhaber dennoch regelmäßig serviert. Er wird in der Business Class von British Airways ausgeschenkt.

Für die Zukunft sieht Chris Foss vom Plumpton College jedoch mehr Veränderungen als nur breitere Bekanntheit und höhere Exportzahlen. Er glaubt an das Entstehen einer neuen Tradition. „Bisher sind unsere Studenten im Durchschnitt 30 Jahre alt“, sagt er. „In Zukunft wird sich das wohl ändern, wenn mehr Studenten als Winzer in die Fußstapfen ihrer Eltern treten - so wie in anderen Winzernationen.“

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