WirtschaftsWoche

MenüZurück
Wird geladen.

14.09.2017

10:20 Uhr

Totgesagte Medien

Eine Hommage an das Radio

Von: Jochen Maass

  Unternehmen, Künstler, Privatmenschen - alle wollen sichtbar sein. Und meinen damit, dass man sie im Internet finden soll. Noch lieber wollen viele ins Fernsehen. Dabei vergessen sie das Radio.

Video didn't kill the radio star - das Radio ist nicht tot. ZB

Video didn't kill the radio star - das Radio ist nicht tot.

„Machen Sie mich sichtbar!“ Dieser Wunsch von Klienten ist Alltag im Agenturgeschäft. Und egal, ob Autor, Unternehmer oder Künstler: „Sichtbar machen“ heißt für Menschen, die etwas zu sagen haben in der Regel, im Fernsehen sichtbar zu werden. „Machen Sie mich hörbar!“ hat jedenfalls noch nie jemand gesagt. Wenn Sie dann das „old school“-Medium Hörfunk als neuesten „heißen Scheiß“ verkaufen wollen, müssen Sie schon eine extra Portion Überzeugungskraft aufbringen, um ungläubiges Kopfschütteln in fasziniertes Staunen zu verwandeln. Dabei ist das Radio „heißer“ als selbst einige Macher glauben.

Alt heißt nicht gleich altmodisch

Radio ist alt, keine Frage. Aber ist es deshalb gleich altmodisch? Es ist der Heilige Abend des Jahres 1906, als die Geschichte des Rundfunks beginnt. Der Erfinder Reginald Fessenden sendet aus der Küstenstadt Brant Rock in Massachusetts Klassik und einige Passagen aus der Bibel für die Seeleute vor der amerikanischen Ostküste.

Hörer in Deutschland müssen Geduld haben. Erst 1923 ertönt hierzulande die erste deutschsprachige Radio-Sendung aus dem Vox-Haus in Berlin. Weitere 34 Jahre später lernt der Hörfunk laufen. Im kleinen Großherzogtum Luxemburg startet am 15. Juli 1957 ein Programm, das zum Vorbild für Generationen von Radiomachern und zum Liebling der Hörer werden soll.

Über die Autoren

Jochen und Lea Maass

Jochen Maass, 44, ist Medienberater und Kommunikationstrainer. Der Diplom-Journalist hat 15 Jahre im TV-Talk gearbeitet, zuletzt als stellvertretender Redaktionsleiter des ARD-Politik-Talks „hartaberfair“.

Lea Maass, 37, ist Medienberaterin und Kommunikationstrainerin. Die Germanistin und Sozialpsychologin hat jahrelange Erfahrung als TV-Talk-Redakteurin bei „hartaberfair“ und „Markus Lanz“.

Gemeinsam führen Sie in Köln das Medienbüro „MAASS·GENAU“.

Machen Sie mal den Test! Es gibt kaum jemanden aus der Generation 40 plus, der bei Begriffen wie „Onkel Acki“, „Mister RTL“ oder „Die vier fröhlichen Wellen“ nicht sofort weiß, worum es geht. Radio Luxemburg krächzte via Mittelwelle vor allem in den 60ern und 70ern bis tief hinein in den Ruhrpott aus Millionen Radioempfängern. Und hinter der Mauer im Osten lauschten die Hörer über Kurzwelle der RTL-Hitparade mit Frank Elstner, den Beatles und Udo Lindenberg.

Während öffentlich-rechtliche Rundfunkprogramme in Deutschland bis Mitte der 70er Jahre wie Verlautbarungsmedien klangen, saßen beim erfrischend anderen Sender aus Luxemburg Menschen wie Du und Ich hinter dem Mikro. Und was heute in sozialen Medien als Errungenschaft gefeiert wird – direkte und schnelle Kommunikation mit Menschen! – war bereits vor Jahrzehnten üblich: im Radio. Nur dass man damals seine Meinung nicht auf Facebook postete, sondern beim Sender unter der „1331“ anrief oder eine Postkarte nach „L-2850 Luxemburg“ schrieb.

Erst Mitte der 70er wachte dann auch die ARD auf und installierte sogenannte Autofahrer- und Servicewellen wie Bayern 3 und Europawelle Saar oder Pop-Wellen wie SWF3, die mit Moderatoren wie Thomas Gottschalk, Manfred Sexauer und Elmar Hörig Kult wurden. Letzterer hat sich – tief enttäuscht und entrückt – vor vielen Jahren auf seine Insel zurückgezogen, um auf Facebook seinen gefährlichen Lebensfrust in die Welt zu posten, der wohl auch durch Bedeutungsverlust und Enttäuschung über das Formatradio von heute entstanden ist. Wer – wie ich – Elmi-Fan war, möchte am liebsten gar nicht wahrhaben, was aus dem zu meiner Schulzeit angesagtesten Radio-Moderator im Südwesten geworden ist.

Man möchte ihn in den Arm nehmen und ihm gleichzeitig eine Standpauke halten. Elmi, Deutschland ist besser und vielfältiger als Du denkst. Auch das Radio von heute ist besser als Du tust. Du warst doch immer ein lässiger Vordenker und kein ewiggestriger Schwarzmaler. Dafür haben wir Dich in den 80ern in der Schule verehrt. Unsere Lehrer hörten damals das wichtige, aber langweilige zweite Programm des Westdeutschen Rundfunks. Die coolen Lehrer mit der Jeans-Jacke – wie unser Deutsch-Lehrer Herr Chrosciel – hatten damals schon verstanden, dass SWF3 die Zukunft ist. Und das, obwohl sich mein Tauf-Pfarrer noch im Religionsunterricht der 80er Jahre am schädlichen Einfluss dieses „Bums-Musik-Programms“ mit dem Schwarzwaldelch abarbeitete.

Direkt vom Startbildschirm zu Wiwo.de

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×