WirtschaftsWoche

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18.10.2017

06:07 Uhr

Werner knallhart

Wir brauchen coolere Smartphone-Regeln

Von: Marcus Werner

kolumne  Früher haben Handys in der Öffentlichkeit genervt. Heute haben sich Smartphone-Nutzer im Griff. Zeit für neue, coolere Handy-Benimm-Regeln. Vor allem für die Bahn und die Fluggesellschaften.

Eine Frau telefoniert in einem ICE. dpa

Eine Frau telefoniert in einem ICE.

Neulich am späten Abend im halb leeren ICE auf der Fahrt nach Berlin: Da sitzen zwei Damen hintereinander, die sicher älter wirken, als sie sind. Die eine strickt, die andere macht Kreuzworträtsel und hat eine Tupperdose mit Butterbrot und Weintrauben vor sich.

Hinter seinem MacBook sitzt ein tätowierter, durchtrainierter Hipster-Haudegen von etwa 30 Jahren mit rotem Vollbart. Er spricht seit einiger Zeit in leicht hochgeregelter Zimmerlautstärke am Mobiltelefon mit einem Bekannten. Als er auflegt, quakt eine der Damen vor: „Dass muss aber auch nicht sein, dass Sie hier so lange telefonieren.“

Da erhebt sich der Hüne aus seinem knirschenden Erste-Klasse-Ledersitz, schreitet auf die Dame zu, faltet seine großen Hände wie zum Gebet und sagt lächelnd in sanftem Ton: „Wenn Sie so etwas stört, dann setzen Sie sich doch einfach fünf Meter weiter vorne hinter der Glastür in die Ruhezone.“

Die Frau mit den Stricknadeln mischt sich ein: „Es ist aber schon nach 22 Uhr.“

Der Mann kichert in seinen Bart und setzt sich wieder: „In einem ICE gibt es doch keine offizielle Nachtruhe.“

Bei sowas geht mir meist sofort der Puls hoch und ich muss mich zusammenreißen, um mich nicht einzumischen. An Bord war ich still, Ihnen sag ich´s: Wäre der Mann in direkter Begleitung seines Bekannten vom Telefonat unterwegs gewesen, dann hätte er sicherlich nicht leiser zu ihm gesprochen. Plus die Entgegnungen des Bekannten direkt im ICE. Das wäre doch lauter gewesen. Mein Urteil: Die Damen liegen falsch. Ihre Dünnhäutigkeit passt nicht mehr zur aktuellen Lage. Peinliche Handy-Egoisten sind doch wirklich selten geworden. Deshalb die neue Devise: Gemach, gemach!

Störende Klingeltöne sind noch passé

Noch vor zehn Jahren galten Handyklingeltöne als Statement. Als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. „Spiele mir deinen Klingelton vor und ich sage dir, wer du bist.“ Katzenmiau, Glockengeläut, Dampfertuten oder plötzlich aufdröhnende Techno-Sounds mit weiblichen Vocals - technisch bedingt ohne hörbare Bässe. Diese Aufdringlichkeit ist doch sowas von Nullerjahre.

Heute muss es heißen: „Spiele mir deinen Klingelton vor. Damit ich endlich mal wieder einen höre.“

Denn mittlerweile vibrieren die Telefone doch überwiegend. Heutzutage kann man sich die Vibrationsalarme je nach Kontakt im Telefonbuch längst individuell selber komponieren. Zweimal kurz, einmal lang, Schatz ruft an. Fünfmal kurzer Warnimpuls: Shit, der Wagner aus der Buchhaltung. Vibrieren für einen selber statt Klingeltöne zum Angeben. Wenn sie überhaupt noch klingeln, dann tun das die allermeisten iPhones meiner Bekannten gemäß Werkseinstellung. Handyklingeltöne herunter zu laden, ist heute wirklich meist Nerdkram für Jungs, die nicht wissen, wie man Frauen anspricht.

Und auch das Geschrei am Handy in der Öffentlichkeit ist heute doch eher eine Ausnahme. Ich erkläre mir das so: Mittlerweile haben diejenigen mit dem auffälligen Schallorgan doch alle schonmal alle in der Öffentlichkeit einen Einlauf verpasst bekommen: „Hey, das ist ein Telefon. Sie müssen nicht rüber krakeelen!“ Das sitzt. Fortschritt durch Feedback. Wer heute zu laut in der Öffentlichkeit telefoniert, blamiert sich doppelt:

1. Er telefoniert zu laut.

2. Er telefoniert im Jahr 2017 immer noch zu laut.

Aber wer es grundsätzlich ablehnt, wenn andere in ihrer Gegenwart telefonieren, der sollte doch einfach besser Zuhause bleiben und sich ganz tief Oropax reinschieben. Das mit den Handys, das geht nämlich nie mehr weg.

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