WirtschaftsWoche

MenüZurück
Wird geladen.

12.09.2015

11:48 Uhr

Flüchtlingskrise

Waffen für Nahost, Flüchtlinge für Deutschland

Von: Frank Doll , Gerald Cesar

  Die Flüchtlingskrise ist die Quittung für Europas Gleichgültigkeit. Deutschland zahlt den Preis für seine Naivität und Leisetreterei.

Luftaufnahme aus einer Drohne mit Blick auf Flüchtlinge, die einen Grenzübergang zwischen Griechenland und Mazedonien passieren. dpa

Flüchtlinge passieren die Grenze von Griechenland nach Mazedonien

Die humanitäre Katastrophe in Syrien zieht sich nun schon seit Jahren hin. Interessiert hat das in der europäischen Politik aber niemanden so richtig. Den Krisenherd Syrien haben die Europäer lieber anderen und deren machtpolitischen Interessen überlassen.

Als der Flüchtlingsstrom an den Außengrenzen der Europäischen Union (EU) nicht mehr aufzuhalten war, war es ganz schnell vorbei mit der europäischen Solidarität. Nur Schweden, Österreich und Deutschland fühlen sich zuständig für die Flüchtlinge. Der Rest der EU spielt weiter „Europa à la carte“. Man sucht sich nur das aus, was einem zusagt. Die Flüchtlinge gehören nicht dazu. Das wird lange nachwirken.

In Berlin und Brüssel glaubt man zwar noch an ein temporäres Problem, aber das Flüchtlingsproblem wird sich in den nächsten Jahren eher noch verschärfen. Heute sind es die Flüchtlinge aus Syrien, morgen die aus Libyen und übermorgen jene aus Schwarzafrika. Südlich der Sahara werden in 20 Jahren vermutlich 900 Millionen mehr Menschen leben und nach Arbeit und einer Zukunft suchen. Findet sich für den afrikanischen Kontinent keine tragfähige Lösung, ist kein Ende des Flüchtlingsstroms nach Europa in Sicht.

Über das Mittelmeer nach Europa: Zahlen zu Flüchtlingen

Flucht nach Europa

Trotz der lebensgefährlichen Fahrt über das Mittelmeer wagen viele Tausend Menschen die Flucht nach Europa. 219.000 Menschen flohen laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35.000.

Tot oder vermisst

3.500 Menschen kamen 2014 bei ihrer Flucht ums Leben oder werden vermisst; im laufenden Jahr sind es bis zum 20. April 1600.

Zahl der Flüchtlinge in Europa

170.100 Flüchtlinge erreichten 2014 über das Meer Italien (Januar bis März 2015: mehr als 10.100); weitere 43.500 kamen nach Griechenland, 3.500 nach Spanien, 570 nach Malta und 340 nach Zypern.

Syrer

66.700 Syrer registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex 2014 bei einem illegalen Grenzübertritt auf dem Seeweg, 34.300 Menschen kamen aus Eritrea, 12.700 aus Afghanistan und 9.800 aus Mali.

Asylantrag

191.000 Flüchtlinge stellten 2014 in der EU einen Asylantrag (dabei wird nicht unterschieden, auf welchem Weg die Flüchtlinge nach Europa kamen). Das sind EU-weit 1,2 Asylbewerber pro tausend Einwohner.

123.000 Syrer...

...beantragten 2014 in der EU Asyl (2013: 50.000).

Asylbewerber in Deutschland

202.700 Asylbewerber wurden 2014 in Deutschland registriert (32 Prozent aller Bewerber), 81.200 in Schweden (13 Prozent) 64.600 in Italien (10 Prozent), 62.800 in Frankreich (10 Prozent) und 42.800 in Ungarn (7 Prozent).

Steigende Zahl der Asylbewerber

Um 143 Prozent stieg die Zahl der Asylbewerber im Vergleich zu 2013 in Italien, um 126 Prozent in Ungarn, um 60 Prozent in Deutschland und um 50 Prozent in Schweden.

Aufnahme der Flüchtlinge

Mit 8,4 Bewerbern pro tausend Einwohner nahm Schweden 2014 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge auf. Es folgten Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), Dänemark (2,6) und Deutschland (2,5).

Überfahrt nach Italien oder Malta

600.000 bis eine Million Menschen warten nach Schätzungen der EU-Kommission allein in Libyen, um in den nächsten Monaten die Überfahrt nach Italien oder Malta zu wagen.

So wichtig und richtig jetzt die deutsche Hilfe für die Flüchtlinge ist, sie wird irgendwann an ihre Grenzen stoßen. Ein dauerhafter Zustrom von Hunderttausenden überwiegend junger Männer aus einer anderen Kultur, mit einer anderer Mentalität und einer anderen Religion ist schon ein Problem an sich. Die langfristigen Risiken einer fehlgeschlagenen Integration sind hier besonders hoch. Niemand kann wollen, dass Thilo Sarazzin („Deutschland schafft sich ab“) am Ende doch noch Recht behält.

Die Integration von Türken in Deutschland hat nur da einigermaßen geklappt, wo ausreichend industrielle Arbeitsplätze zur Verfügung standen. Doch dieses Angebot wird es auf dem deutschen Arbeitsmarkt in Zukunft nicht mehr geben. Die Onlinebank ING-Diba hat eine Studie zu den Folgen der Automatisierung für den deutschen Arbeitsmarkt erstellt.

Von den 30,9 Millionen in der Studie berücksichtigten sozialversicherungspflichtig und geringfügig Beschäftigten seien 18,3 Millionen Arbeitsplätze in ihrer jetzigen Form von der fortschreitenden Technologisierung in Deutschland bedroht.

Gerade wegen des großen Industriesektors wäre Deutschland besonders stark vom Technologiefortschritt betroffen. Die Vorstellung, man könne mit Immigranten die Probleme des deutschen Arbeitsmarktes und der Sozialkassen lösen, könnte sich also als Wunschvorstellung herausstellen.

Direkt vom Startbildschirm zu Wiwo.de

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×