WirtschaftsWoche

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11.10.2017

12:51 Uhr

Wirtschaftliche Bedeutung der Hauptstädte

"Berlin holt auf – aber nur geringfügig"

Von: Stefan Reccius

Interview  Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft zeigen: Deutschlands Pro-Kopf-Wohlstand fiele ohne die Hauptstadt höher aus. Das ist innerhalb der EU ein ungewöhnliches Phänomen.

Blick in das Büro von Rocket Internet in Berlin dpa

Blick in das Büro von Rocket Internet in Berlin: Das Unternehmen hält Beteiligungen an mehreren Internet-Start-ups.

WirtschaftsWoche: Herr Diermeier, wäre Deutschland ohne Berlin besser dran?
Matthias Diermeier: Was wir in unseren Berechnungen sehen, ist: Würde man die Hauptstadt und ihre Bewohner herausrechnen, wäre das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner um 0,2 Prozent höher. Aber das spiegelt in gewisser Weise das Geschäftsmodell unseres Landes wider: An verschiedensten Orten haben sich branchenspezifische Cluster herausgebildet, wo die industrielle Wertschöpfung generiert wird. Die dezentrale Wirtschaftsstruktur ist historisch gewachsen.

Ist das einer Schwäche Berlins geschuldet oder passt eine andere Lesart nicht viel besser: Deutschland Wohlstand ist schlicht besonders breit über das Land verteilt?
Genau. Wenn man da noch eine Ebene tiefer geht und sich anschaut, wo das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf generiert wird, dann sind das Wolfsburg, Ingolstadt, München, Schweinfurt, Frankfurt, Stuttgart. Das sind die Zentren, in denen die industrielle Wertschöpfung stattfindet, und darunter ist eben nicht Berlin.

Woran hapert es denn in Berlin? Die Stadt gilt mit ihrer großen Start-up-Szene doch als Quell der Ideen.
Aber mit Ideen macht man zunächst verhältnismäßig wenig Geld. Berlin zieht mit der Start-up-Szene vor allem viele junge Leute und Studenten an. Und gerade in der IT-Branche, die für Start-ups so attraktiv ist, sind anfangs die Umsätze gering. Bis Ideen zu börsennotierten Unternehmen getragen werden, dauert es lange, und häufig passiert das eben auch gar nicht. Und wenn doch, werden die Start-ups häufig von Industrieunternehmen gekauft, die wiederum woanders ihren Sitz haben, und dann verlagert sich auch die Wertschöpfung.

Zur Person

Matthias Diermeier

Matthias Diermeier ist am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln persönlicher Referent von Direktor Michael Hüther. Die Berechnungen des IW basieren auf Daten des europäischen Statistikamts Eurostat.

Arm, aber sexy – wird Berlin dieses Klischee einfach nicht los?
Wir sehen schon eine gewisse Dynamik, Berlin holt auf. Die Stadt gewinnt an Einwohnern, das BIP pro Kopf ist zuletzt verhältnismäßig stark um vier Prozent gewachsen. Aber der absolute Aufholeffekt ist gering, weil Berlin von einem relativ niedrigen Niveau kommt. Außerdem gibt es durch die vielen jungen Zugezogenen keine großen Einkommenssprünge, anders als wenn Industrie verlagert wird und Großverdiener in eine Stadt ziehen. Es ist nicht zu erwarten, dass Berlin das Bruttoinlandsprodukt von Wolfsburg erreicht. Das ist aber vielleicht auch nicht zu wünschen.

Warum?
Berlin ist das politische Zentrum der Republik und hat heute eine hohe Anziehungskraft für Gründer und Kulturschaffende entwickelt. Warum sollte man diese Ausdifferenzierung aufbrechen? Es ist sicherlich richtig, strukturschwache Regionen zu fördern. Es gibt jedoch keinen Grund, Berlin in irgendeiner Form zu privilegieren.



Ihre Auswertung zeigt: In anderen EU-Staaten sieht die Lage völlig anders aus.
Rom ist vielleicht noch am ehesten vergleichbar mit Berlin. Auch da ist das industrielle Zentrum woanders, nämlich hauptsächlich im Norden. In anderen Ländern, beispielsweise in Südeuropa, haben die Hauptstädte einen viel höheren Anteil an der Wirtschaftskraft: In Griechenland wäre das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um 20 Prozent niedriger, würde man Athen und seine Bewohner herausnehmen. Wenn man sich die großen EU-Länder anschaut, sind London und Paris auffällig: In London ist das BIP pro Kopf 70 Prozent höher als im Rest Englands, in Paris sind es gegenüber dem Rest Frankreichs 66 Prozent. Durch die extreme Konzentration der Bevölkerung auf diese beiden Städte steigt dieses Gewicht nochmals.

Welche Probleme ergeben sich daraus?
Teile der Bevölkerung haben keine Chance mehr, in die Zentren zu ziehen, es gibt extreme Unterschiede in der Kaufkraft und den Mieten. Mobilität geht verloren: Nicht nur die soziale Mobilität zwischen den Einkommensschichten, sondern auch Mobilität, die es den Menschen  ermöglicht, dort zu leben, wo sie gerne leben möchten. Das kann zu einer Polarisierung führen, bei der die Bevölkerungsschichten gegeneinander aufgestachelt werden. Diese Stadt-Land-Spaltung haben wir in der Brexit-Abstimmung gesehen. Das gilt es zu vermeiden.

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Seit über 40 Jahren versucht die EU, wirtschaftlich schwache Regionen zu stärken. Doch das hilft nicht immer denen, die es am nötigsten bräuchten. Das liegt auch an unfähigen Regierungen, wie ein neuer EU-Bericht zeigt.

Ist es die Aufgabe der Politik, da anzusetzen?
Die Europäische Union wurde gegründet mit dem Konvergenzversprechen: Man wollte jene Regionen fördern, die hinten dran sind, um ein halbwegs ausgeglichenes Wirtschaftswachstum und Wohlstandsniveau zu erreichen. Mit Blick auf die niedrigen Wachstumsraten in den ärmeren Regionen muss man sagen: Diese Europäische Union ist mit ihrem Politikversprechen bisher gescheitert.

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