WirtschaftsWoche

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08.10.2017

16:00 Uhr

Öffentlicher Verkehr

Eine App für alle Busse, Bahnen und Züge

Von: Christian Schlesiger

  Deutsche Kleinstaaterei steht einer integrierten App für alle Nahverkehre im Weg. Doch bevor Google einsteigt, wagen Firmen einen neuen Anlauf.

Mobilität: Kommt jetzt eine App für ein digitales Ticket? Marcel Stahn für WirtschaftsWoche

Kommt jetzt die eine App für Bahn, Nahverkehr, Carsharing und Co.

Michael Frankenberg nennt das Foyer seines Unternehmens das „Museum of Modern Apps“, kurz MoMA. 58 Kacheln in Form einer Smartphone-App hängen an einer etwa drei mal vier Meter großen Magnetwand, darunter die schwarz-gelbe Nahverkehrs-App der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die der Münchener S-Bahn, die der Österreichischen Bundesbahnen. Mittendrin: der DB Navigator, Deutschlands meistgenutzte Mobilitäts-App von der Deutschen Bahn. „Das sind alles unsere Kunden.“

Frankenberg ist Geschäftsführer von Hacon aus Hannover; vor einigen Monaten hat Siemens das 1984 gegründete Unternehmen gekauft. Kaum jemand außerhalb der Verkehrsbranche kennt die Firma mit ihren 300 Mitarbeitern, aber fast jeder Vielreisende nutzt ihre technische Plattform: Hafas bündelt sämtliche Prozesse eines Eisenbahnunternehmens wie Fahrplanauskunft, Verspätungsanzeige und Ticketverkauf. Kunden können die Informationen auf den Apps der Nahverkehrsgesellschaften abrufen, die sie auf ihrem Smartphone gespeichert haben. Geht es nach Frankenberg, könnte jede App auch Tickets anderer Anbieter verkaufen, auch Carsharing-Autos, Taxis und Uber-Chauffeure vermitteln: „Technisch ist das überhaupt kein Problem.“

Es ist der Traum vieler Großstädter und Pendler: eine App für alle Verkehrsoptionen. Doch Deutschland wartet auf die Mobilitätsrevolution noch immer – obwohl kaum ein Land der Welt über einen besseren öffentlichen Nahverkehr verfügt. Noch immer bieten 130 Verkehrsverbünde und Hunderte Städte je eigene, mehr oder weniger gute Lösungen an. Noch immer herrscht eine verkehrspolitische Kleinstaaterei der Tarifgrenzen und App-Konkurrenz. Noch immer können sich die Nahverkehrsunternehmen nicht auf ein Provisionsmodell einigen, wenn der eine die Tickets des anderen verkauft. Bei mehr als zehn Milliarden Fahrgästen 2016 geht es um viel Geld, selbst wenn pro Ticketverkauf nur wenige Cent fließen.

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Immerhin soll sich bald etwas ändern. Unternehmen wie die Deutsche Bahn, Siemens, Daimler und Start-ups programmieren und verfeinern ihre Reise- und Vielfahrer-Apps. Die deutsche Nahverkehrsbranche bastelt an einer Verkaufsplattform, die bundesweit zum Einsatz kommen soll. Und auch die Politik erhöht den Druck. Kommt nun der Durchbruch? Die Union hat in ihrem Wahlprogramm „eine App und ein digitales Ticket“ versprochen, „mit dem Fahrgäste überall in Deutschland fahren können“. Auch die Grünen wollen den Regional(ego)ismus im Nahverkehr aufbrechen, sodass „man nur ein Ticket braucht“. Der „grüne MobilPass“ soll kombinierbar sein mit Fahrten für Fähren, Taxis, Carsharing und Leihräder.

In der Schweiz gibt es so ein Ticket bereits. Hacon testet für die Schweizer Bundesbahnen gerade eine App, mit der eine Reise von der Gondel über den Nahverkehrszug bis hin zum Carsharing gebucht werden kann – viele Verkehrsmittel, ein Ticket. Gleichzeitig werden alternative Reiserouten angezeigt. „Alle relevanten Unternehmen im Markt spielen mit“, erklärt Hacon-Chef Frankenberg die Erfolgsformel. „In der Schweiz sehen sich die Unternehmen im öffentlichen Sektor eher als natürliche Freunde“, so Frankenberg: „Je nahtloser die Kunden reisen können, desto besser ist das für alle.“

Ticketverkauf: Nahverkehrsbetriebe streiten über Provisionen beim App-Vertrieb. Getty Images

Ticketverkauf: Nahverkehrsbetriebe streiten über Provisionen beim App-Vertrieb.

In Deutschland endet der Nahverkehr in einer App oft an den Grenzen zum nächsten Verbund, zum nächsten Unternehmen. Und das, obwohl der Bund jedes Jahr mehr als acht Milliarden Euro an die Länder überweist, um den (über-)regionalen Zugverkehr zu gewährleisten. Hinzu kommen die Städte mit ihren U-Bahn- und S-Bahn-Systemen. Selbst die Deutsche Bahn beißt sich an der Vielfalt die Zähne aus. Der DB Navigator vereint zwar inzwischen große Verkehrsverbünde wie Berlin-Brandenburg (VBB), Rhein-Ruhr (VRR), München (MVV) und Rhein-Neckar (VRN), doch eine Deutschland-App für den gesamten Nahverkehr gibt es noch immer nicht – von integrierten Angeboten für Carsharing und Leihrädern ganz zu schweigen.

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) will die Unternehmen im ÖPNV nun endlich zusammenbringen. „Mobility Inside“ heißt das Projekt; rund 20 Unternehmen haben sich als Taktgeber zusammengeschlossen. Das Ziel: 2019 soll es eine Plattform für den gesamten Nahverkehr geben, die alle Tarife, Fahrplandaten und Verspätungsminuten vereint. Auch die Deutsche Bahn macht mit. Viel Zeit bleibt nicht: Städtische Bus- und Bahnbetreiber fürchten, dass künftig branchenfremde Anbieter wie Google einsteigen, um Tickets im Nahverkehr zu verkaufen. Busse und Bahnen wären dann nur noch als Lohnkutscher unterwegs und müssten Provision an Unternehmen in den USA abdrücken. Dem wolle man zuvorkommen. Die ÖPNV-Branche als Innovator – das wäre wirklich bahnbrechend.

So wird Pendeln erträglicher

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Regeln Sie den Umgang mit Verspätungen, fragen Sie nach Heimarbeit und Gleitzeit.

Probleme klären

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Nicht am Wochenende nachholen, was unter der Woche wegen des Pendelns liegen geblieben ist. Erholen Sie sich lieber.

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