WirtschaftsWoche

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13.01.2018

16:00 Uhr

Auf dem Weg zum Cyborg

Warum sich Menschen selbst optimieren

Von: Andreas Menn

  Mit Implantaten, Prothesen und Gehirnschnittstellen rüsten Forscher unsere Körper auf. Menschen können bald besser sehen, schneller denken, länger leben. Oder gleich zu Maschinen werden.

Cyborg-Disruption Getty Images

Disruption des Körpers: Künstlerin Moon Ribas, Biohacker Josiah Zayner, und Hugh Herrs Prothesen.

Schönheits-OPs, Anabolika, Ritalin – es gibt viele Mittel, seinen Körper aufzumotzen. Für Josiah Zayner ist das aber alles Kleinkram. An diesem Herbsttag hält Zayner, ein Mittdreißiger im schwarzen T-Shirt mit strubbeligen Haaren, einen Workshop. Auf einer großen Biotechkonferenz in San Francisco, Titel: „Wie man sich genetisch modifiziert“.

Rund 150 Zuhörer drängen sich im Raum. Vorne steht Zayner und erzählt davon, wie einfach es in den vergangenen Jahren geworden ist, Gene in menschlichen Zellen gezielt zu verändern. „Es dauert heute nur fünf Minuten, DNA zu erschaffen, mit der ich mein Erbgut umschreiben kann“, sagt der Biologe. „Soll ich’s versuchen?“

Die Zuhörer kichern. Aber dann kramt Zayner aus seinem Rucksack eine Spritze hervor und zieht sie mit einer durchsichtigen Flüssigkeit aus einer Ampulle auf. „Das hier wird meine Muskeln wachsen lassen“, sagt er, legt seinen linken Arm auf den Tisch und sticht sich die Nadel ins Fleisch. „Autsch“, stöhnt er, und die Zuschauer applaudieren.

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Wenn es stimmt, was er behauptet, dann hat Zayner gerade seine Gene verändert, mit einer neuen Methode namens Crispr, vielleicht als erster Mensch der Welt. Mit Crispr können Forscher DNA im Körper reparieren, erweitern, austauschen. Und womöglich stärkere Muskeln züchten, biologische Nanoroboter, die Viren im Blut bekämpfen, oder Haut, die im Dunkeln leuchtet.

Zayner zählt sich zu einer Bewegung von Biohackern – Aktivisten, die den menschlichen Körper umbauen wollen. Das Update im Erbgut ist für sie nur eine von mehreren Methoden. Andere pflanzen sich Funkchips in die Hand, mit denen sie elektronische Türen öffnen, am Automaten bezahlen oder ihren Computer entsperren. Die spanische Künstlerin Moon Ribas trägt einen Chip im linken Oberarm, der vibriert, wenn Seismometer irgendwo auf der Welt ein Erdbeben registrieren.

Zayner und Ribas sind die Avantgarde einer neuen Ära. Die letzten 1000 Jahre, sagt der Historiker und Zukunftsforscher Yuval Noah Harari, habe der Mensch damit verbracht, die Macht über seine äußere Umwelt zu ergreifen. „Die größte Umwälzung im 21. Jahrhundert wird sein, dass wir auch die Kontrolle über die Welt in uns selbst gewinnen werden.“

Der Mensch wird zum Cyborg, zum Mischwesen, halb Mensch, halb Maschine. Hunderttausende tragen schon Implantate am Schädel, um wieder zu hören oder die Symptome der Parkinson-Krankheit einzudämmen. Forscher entwickeln künstliche Augen, intelligente Prothesen und Chips, die das Gehirn ans Internet anschließen sollen. An solchen Ideen arbeiten auch renommierte Wissenschaftler und Unternehmer, etwa Harvard-Forscher George Church und Silicon-Valley-Milliardär Elon Musk.

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Krankheit, körperliche Mängel und Behinderung, so das Versprechen, können wir bald mit Technik überwinden. Und dann erhält das Ich ein Update: mit künstlichen Sinnen, Chips im Hirn oder einem synthetischen Immunsystem, das Viren wirksamer bekämpft als die natürlichen Abwehrzellen. Sogar den Tod wollen Visionäre mit Technik aus dem Leben wegprogrammieren.

Werden nur einige dieser Träume wahr, dann werden die Menschen vieles überdenken müssen: Wie viel Selbstoptimierung wollen wir uns erlauben, was geht zu weit? Wie viel freien Willen haben wir noch, wenn Hirnchips unsere Handlungen beeinflussen? Was wird bleiben von dem, das uns zum Menschen macht? Historiker Harari macht eine atemberaubende Prognose: „Der Homo sapiens, wie er seit Zehntausenden von Jahren existiert, wird in diesem Jahrhundert verschwinden“, sagt er. „Unsere Nachkommen werden sich so stark von uns unterscheiden wie wir uns von Schimpansen.“

Das Leben nahm für Jason Barnes eine radikale Wende, als ihn vor fünf Jahren ein 22.000 Volt starker Stromschlag erwischte. Damals 23 Jahre alt, war er auf das Dach eines Restaurants in McDonough, Georgia, gestiegen, um es zu reinigen. Dabei kam er einer Hochspannungsleitung zu nahe. In der Notaufnahme sahen die Ärzte keine andere Möglichkeit: Die rechte Hand, schwer verletzt, und ein Großteil des Vorderarms mussten ab. Für den leidenschaftlichen Schlagzeuger, der Profimusiker werden wollte, brach eine Welt zusammen.

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