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07.08.2017

11:00 Uhr

Nitrat im Trinkwasser

EU-Subventionen für Verschmutzung des Grundwassers

Von: Justus von Daniels, Stefan Wehrmeyer

  Die EU subventioniert Tierfabriken – und will sie gleichzeitig bestrafen, weil sie das Grundwasser mit Nitrat verschmutzen. Aus diesem Grund könnten nun die Preise für Trinkwasser steigen. Eine Correctiv-Recherche.

Nitrat-Konzentration: EU-Subventionen für Verschmutzung des Grundwassers dpa

Nitrat-Konzentration: EU-Subventionen für Verschmutzung des Grundwassers

In Supermärkten kostet ein Kilo Hähnchenbrust sechs Euro. Das verdanken wir unter anderem der WIMEX GmbH. In und um Baasdorf, auf dem plattesten Land zwischen Magdeburg und Leipzig, unterhält die Firma Ställe für mehr als 160.000 Hühner.

WIMEX-Geschäftsführer Gerhard Wagner erhielt 2013 das Bundesverdienstkreuz, weil er das „Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten nach der Wiedervereinigung“ verkörpere. Er hatte die Firma einst in Bayern gegründet und war nach der Wende rasch in Sachsen-Anhalt expandiert. Wagner ist ein geachteter Manager. Die WIMEX ein moderner Agrarkonzern, in dem nach neuestem Know-how Hühner im Schnelldurchgang gemästet werden.

So weit, so gut. Recherchen von CORRECTIV haben nun aber ergeben, dass WIMEX nicht nur bereits mehrere Millionen Euro Subventionen aus Brüssel erhielt, sondern gleichzeitig auch das Grundwasser der Region mit Nitrat belastet ist. Im Einzelnen:  

  • WIMEX bekommt im Jahr rund 400.000 Euro EU-Agrar-Subventionen für die riesigen Flächen, auf denen die Firma einen Teil des Hühnerfutters anbaut. Nach der Wende hatte sie eine Agrargenossenschaft übernommen.
  • Der Nitratgehalt des Grundwassers lag im Jahr 2015 in der Region rund um Baasdorf bei rund 90 Milligramm pro Liter. Der offizielle Grenzwert beträgt 50 Milligramm. Der Grenzwert wird damit fast um das Doppelte überschritten.
  • Aus den WIMEX-Ställen in und um Baasdorf entweichen nach Angaben des Umweltbundesamtes im Jahr rund 140 Tonnen Ammoniak in die Luft. Ammoniak – das ist der Stoff, der solche Ställe so stinken lässt: ein scharfes, übel riechendes Gas, das aus dem Kot und Urin der Tiere entsteht. Ammoniak belastet die Luft mit Feinstaub, der Regen wäscht es später aus und spült es in den Boden. Es trägt dazu bei, das Grundwasser mit Nitrat zu belasten.

Dabei hält sich WIMEX, nach allem, was man weiß, an die Gesetze und Umweltauflagen. Die hohe Zahl der Hühner ist erlaubt durch eine Baugenehmigung der Gemeinde. Grenzwerte für Ammoniak-Emissionen gibt es nicht. Filter, die die tierischen Abgase aus den Ställen filtern, sind nicht vorgeschrieben. Und nach Ansicht von WIMEX auch nicht sinnvoll: „Der Energieaufwand macht die Filtertechnik unwirtschaftlich“, heißt es aus der WIMEX-Zentrale gegenüber CORRECTIV. Niemand hat gern solch riesige, stinkende Ställe in seiner Nachbarschaft. Aber verboten sind sie nicht.

Und doch ist das System, in dem die WIMEX operiert, als Ganzes irrational. Wie kann es sein, dass ein hoch profitabel arbeitender Massentierhalter, dessen Böden mit Nitrat vollgepumpt sind, für seine Ackerflächen rund eine halbe Million Euro Agrar-Subventionen aus Brüssel kassiert? Und das vor dem Hintergrund, dass Brüssel gleichzeitig eine Klage gegen Deutschland erhebt, weil die Regierung hierzulande nicht genug gegen die Nitratbelastung unternimmt. Die EU will Deutschland für den Nitratausstoß der Tierindustrie bestrafen, und fördert die Großbetriebe gleichzeitig mit Subventionen.

Wie kommt es zu diesem Widerspruch?

Schuld ist aber nicht nur Brüssel, sondern die Blockadepolitik der Mitgliedsländer. Das CSU-geführte Landwirtschaftsministerium bremst notwendige Reformen seit Jahren aus.

Die EU bemisst den Großteil ihrer Subventionen rein an der Fläche eines Betriebes. Selbst dann, wenn die Äcker Teil einer industriellen Massentierhaltung sind. Für die Bewilligung von Subventionen ist es egal, ob ein Hof nachhaltig wirtschaftet oder nicht.

CORRECTIV hat die öffentlich zugänglichen Daten für EU-Agrarsubventionen erstmals mit der Menge von Schadstoffen bei Tierbetrieben abgeglichen. Außerdem haben wir die Wasserdaten der Bundesländer abgefragt, um den Nitratgehalt im Grundwasser zu erfahren. Das Ergebnis: Von etwa 600 Betrieben, bei denen viel Ammoniak anfällt – das sind vor allem Mastgroßbetriebe – erhält die Hälfte hohe Subventionen aus Brüssel.

Zwar hat sich in der Massentierhaltung in den vergangenen Jahren manches verbessert, die Hygienestandards sind in großen Betrieben heute oft besser als auf kleinen Höfen. Aber: Je mehr Gülle anfällt, desto komplizierter ist es, sie umweltgerecht auszubringen. Gülle in Maßen ist ein guter Dünger. Gülle im Übermaß belastet das Grundwasser.

Nitrat in zu hoher Dosis könnte vor allem für Kleinkinder gefährlich werden. Wenn sie stark nitrathaltiges Wasser trinken, kann das zu Sauerstoffmangel im Blut führen und Herzschäden verursachen. Für Erwachsene kann Nitrat krebsfördernd sein, weshalb die EU einen Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter festgesetzt hat. Trinkwasser kann gut gefiltert oder gemischt werden. Daher muss niemand Gesundheitsgefahren durch Nitrat befürchten. Aber nitratbelastetes Grundwasser in sauberes Trinkwasser zu verwandeln, kann schnell teuer werden.

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Auch in der Natur richtet Nitrat in hoher Dosierung Schäden an und bedroht die Ökosysteme. Es versauert die Böden und gefährdet dadurch empflindliche Tier- und Pflanzenarten. Gelangt es in großen Mengen ins Meer, sind Algenplagen die Folge.

In deutschen Ställen werden rund 12 Millionen Rinder gehalten, 27 Millionen Schweine und 150 Millionen Hühner. Sie ballen sich in wenigen Regionen: in Niedersachsen, Ostwestfalen, Schleswig-Holstein. Die Folge: In diesen Regionen entweichen aus den Ställen große Mengen Ammoniak und im Grundwasser sammelt sich durch die Gülle viel zu viel Nitrat.

Kaum Kontrollen

Die Regierungen im Bund und den Ländern haben den Trend zur Massentierhaltung jahrzehntelang sogar noch gefördert. Besonders in den neuen Bundesländern waren Landräte froh, dass die großen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften nach der Wende weiter betrieben wurden, entsprechend großzügig wurden die Genehmigungen erteilt. Investoren kamen aus Westdeutschland, viele aus den Niederlanden. Kontrollen wurden und werden nicht besonders ernst genommen. Es gibt Grenzwerte, wie viel Gülle in einen Acker eingearbeitet werden darf. Aber die Bauern haben diese Grenzwerte oft missachtet. Denn die Chance, erwischt zu werden, ist gleich null. CORRECTIV hat die Bundesländer nach der Zahl der Kontrollen gefragt. Ergebnis: In Niedersachsen zum Beispiel wird  pro Jahr gerade mal einer von hundert Betrieben überprüft.

Das Ausmaß der Ammoniak-Verpestung ist immerhin bekannt. Denn die EU schreibt vor, den Ausstoß in einer öffentlichen Datenbank zu erfassen. Die Betriebe errechnen den Wert anhand der Anzahl ihrer Tiere und melden ihn an das Umweltbundesamt. Allerdings nur für Hühner- und Schweineställe. Bei Rindern fallen die gleichen Schadstoffe an, aber für Rinder gibt es keine EU-Meldepflicht. Der größte Teil des errechneten Ammoniaks – mehr als 80 Prozent – stammt nach Angaben der Umweltbehörde aus der Tierhaltung. Es gibt einen „Schwellenwert“ für Ammoniak, ab dem der Schmutzausstoß gemeldet werden muss, aber Folgen für die Betriebe hat so eine Meldung nicht.

Längst gibt es Filteranlagen, die den größten Teil des Ammoniaks in den geschlossenen Ställen aufnehmen könnten. Eine bundesweite Filterpflicht für große Ställe gibt es aber nicht. Es gibt auch keine Regeln, nach denen große Verschmutzer Abgaben zahlen müssten, um sich an den Kosten für die Umweltbelastung zu beteiligen.

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Im Gegenteil. Viele Massentierhalter streichen pauschal Fördergelder ein. Egal wie groß der Betrieb ist, egal was angebaut wird, es gibt immer um die 300 Euro für jeden Hektar. Klassisches Gießkannenprinzip. So werden Jahr für Jahr in Deutschland etwa 5 Milliarden Euro verteilt. Ein Teil davon geht an Massentierhalter, die Flächen pachten oder besitzen.

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Auch wenn sich die Tierhalter an die Gesetze halten, das Ergebnis ist unvernünftig: Die Tierindustrie ist nach Angaben des Umweltbundesamtes Hauptverursacher der Nitratbelastung des Grundwassers und trägt durch den Ausstoß von Ammoniak massiv zur Feinstaubbelastung bei. Zusätzlich hat die großzügige Förderung von Biogasanlagen dazu geführt, dass die Nitratwerte so hoch bleiben. Denn dort fällt Nitrat als Abfallprodukt an.

Vor allem in den ostdeutschen Bundesländern nehmen Massentierhalter die Staatsgelder gerne mit, indem sie riesige Ackerflächen pachten. Sie lassen sich auf diese Weise zumindest das Tierfutter vom Steuerzahler vergolden.

Unsere Datenauswertung zeigt, dass die Hälfte aller Tiergroßbetriebe nach dieser Logik handeln. CORRECTIV hat die Zahlungen über fünf Jahre ausgewertet, um Schwankungen zu berücksichtigen. 300 von 600 Tierhaltern, die einen erhöhten Ammoniak-Ausstoß melden, kassieren auch pauschale Subventionen, bis zu 500.000 Euro im Jahr.

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