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Linde

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Showdown im Aufsichtsrat

Es ist eine Situation, wie sie verfahrener kaum sein könnte. Noch vor fünf Wochen hatte Linde-Chef Belloni erklärt, einem Kompromiss mit den Arbeitnehmern sehr nah zu sein, und versprochen, dass die Fusion auf keinen Fall gegen ihren Willen zustande käme. Mit der Ankündigung, im Zweifel von seinem Doppelstimmrecht Gebrauch machen zu wollen, hat Reitzle sich über seinen gerade einmal seit gut vier Monaten amtierenden Vorstandschef hinweggesetzt. Neue Angebote an die Arbeitnehmer – etwa eine Ausweitung der Mitbestimmung nach dem Zusammenschluss mit den Amerikanern –, um die Bedenkenträger doch noch umzustimmen, sind Insidern zufolge unwahrscheinlich.

An einer salomonischen Lösung hat Reitzle offenbar kein Interesse. Wegen der verhärteten Fronten erwägt Linde inzwischen, die Abstimmung über die Fusion im Aufsichtsrat zu verschieben. Dadurch könnte der gesamte Zeitplan ins Rutschen kommen und der Zusammenschluss, sollte er denn überhaupt noch kommen, kaum vor Ende 2018 unter Dach und Fach sein.

Poker um Praxair

Drei Szenarien

Drei Szenarien bei der Abstimmung über die Fusion im Aufsichtsrat bei Linde Ende April/Anfang Mai.

Szenario 1: Fusion kommt

Es kommt zum Patt zwischen Kapitalseite und Arbeitnehmern, und Reitzle macht von seiner Doppelstimme gebrauch.

Szenario 2: Fusion kommt

Kapitalseite und Arbeitnehmervertretung Sonntag stimmen für die Fusion mit Praxair. Aufsichtsratchef Reitzle macht von seinem Doppelstimmrecht gebrauch.

Szenario 3: Fusion scheitert

Es kommt gar nicht mehr zur Abstimmung weil die Arbeitnehmer dagegen sind, Linde ihnen entgegenkommt und den peinlichen Showdown einer Abstimmung im Aufsichtsrat vermeiden will, bei der alle Arbeitnehmervertreter dagegen stimmen.

Warum die Arbeitnehmer einknicken könnten

Dabei hätte sich Reitzle die Drohung wahrscheinlich sogar sparen können. Denn die Arbeitnehmerfront steht vermutlich gar nicht so geschlossen, wie es derzeit scheint. Ein Betriebsrat aus Dresden jedenfalls kann eigentlich gar nicht gegen die Fusion stimmen, wenn es im Aufsichtsrat zum Schwur kommt. Denn dann würden die von ihm vertretenen 550 Kollegen im Dresdner Linde-Werk wahrscheinlich sehr schnell ihre Jobs verlieren.

Der Mann, der sein Gewissen nun intensiv prüfen muss, heißt Frank Sonntag. Er ist seit 16 Jahren bei Linde, steht dem Betriebsrat in Dresden vor und sitzt im Aufsichtsrat des Konzerns. Das ostdeutsche Werk des Gasekonzerns ist einer der wichtigsten Arbeitgeber der Region, arbeitet allerdings seit Jahren defizitär. Rein ökonomisch betrachtet, müsste Linde das Werk dichtmachen. Ausgerechnet die Fusion mit Praxair könnte jedoch die Arbeitsplätze in Dresden retten. Denn als Gegenleistung für ihre Zustimmung bekämen die Mitarbeiter von Linde in Deutschland eine Beschäftigungsgarantie bis Ende 2021. Das wurde bereits mit dem Betriebsrat ausgehandelt. Platzt die Fusion, ist die Beschäftigungsgarantie hinfällig, auch für Dresden.

Sonntag muss eigentlich die Interessen seiner sächsischen Kollegen vertreten, und das hieße: im Aufsichtsrat für die Fusion stimmen. Bislang hält er noch zu seinen Betriebsratskollegen aus den anderen Regionen und stemmt sich dagegen. Bis zum Schluss durchziehen kann er das allerdings kaum. Darum wundert es auch nicht, dass es beim europaweiten Linde-Aktionstag der IG Metall ausgerechnet in Dresden keine Kundgebung geben soll.

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Linde wird seine Aktionäre nicht über die geplante Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair bei der Hauptversammlung abstimmen lassen. Das Unternehmen sieht für die Abstimmung keine Rechtsgrundlage.

„Frank Sonntag hat sich im vergangenen halben Jahr wahnsinnig für den Standort Dresden eingesetzt“, sagt Günter Bruntsch, ehemaliger Chef des ostdeutschen Linde-Werks, und fügt voller Überzeugung hinzu, der Betriebsrat müsse für die Fusion stimmen. „Für Dresden wäre der Zusammenschluss mit den Amerikanern eine positive Sache.“

Eine positive Sache für Reitzle wäre es wiederum, wenn er den Fusionsbeschluss eben nicht mit der Brechstange durchsetzen müsste – sondern mithilfe von Betriebsrat Sonntag und ohne peinlichen Showdown im Aufsichtsrat.

Mit dem Erfolg kam die Arroganz

Dass es um alles geht, ist Reitzle anzumerken. Dünnhäutig sei er geworden, berichten Beobachter, die mit ihm in diesen Tagen zu tun haben. Von einem kühlen Kopf, den man von einem Aufsichtsratschef eigentlich erwartet, sei nichts mehr zu spüren. Auf der Sitzung des Kontrollgremiums in der vergangenen Woche habe Reitzle selbst harmlose, rein sachliche Einwände gegen die Fusion barsch vom Tisch gewischt. Die Rede ist von einem Mann, der „sich eingegraben“ und in eine Idee verrannt habe. Es scheine, als stecke er in einem Tunnel, berichtet einer aus seinem Umfeld. Er sei eben ein sehr emotionaler Mensch, sagt ein anderer.

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