WirtschaftsWoche

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26.11.2017

10:00 Uhr

Start-ups

Warum Gründer immer groß denken sollten

Von: Jenny von Podewils

Gastbeitrag  Wer in Deutschland ein Start-up gründen will, der sollte sich zunächst mal eine Weile im Silicon Valley umsehen – und vor allem etwas von der dortigen Energie mitnehmen.

Jenny von Podewils, Gründerin des Start-ups Leapsome, war Fellow der Singularity University im Silicon Valley. Presse

Jenny von Podewils, Gründerin des Start-ups Leapsome, war Fellow der Singularity University im Silicon Valley.

Unsere Aufgabe war nicht weniger als die Rettung der Menschheit. Knapp fünf Monate habe ich mich ihr gewidmet, von Juni bis November vergangenen Jahres im Silicon Valley. Gemeinsam mit Stanford-Professoren, erfahrenen Gründern und Investoren aus Südamerika, einem Animationskünstler aus Kenia und einem promovierten Experten zur künstlichen Intelligenz.

Ich habe damals an der Singularity University an einem Programm für Unternehmensgründer teilgenommen. Ich lernte, diskutierte und wohnte zusammen mit knapp 80 Menschen aus der ganzen Welt. Es war ein großer „Melting Pot“ der unterschiedlichsten Ideen, Ansichten und Erfahrungen.

Gemeinsam überlegten wir, wie wir künstliche Intelligenz (KI), Robotik, Nanotechnologie, Blockchain oder digitale Biologie nutzen können, um große globale Herausforderungen zu meistern. Die Singularity University legt die Latte hoch und stellt jedem die Frage: Wie verbesserst DU das Leben für eine Milliarde Menschen?

Zurückgekommen bin ich mit zwei Erkenntnissen. Erstens: einem Verständnis, wie schnell und grundlegend der technologische Wandel in den nächsten Jahren unsere Arbeitswelt verändern wird. Zweitens mit der Überzeugung, dass ich dazu meinen Teil beitragen will – und dass es sich dabei lohnt, eine Nummer größer und vielleicht ein wenig amerikanischer zu denken.

Wie stark künstliche Intelligenz unsere Arbeitswelt bereits in fünf bis zehn Jahren verändert haben wird, unterschätzen die Deutschen noch massiv. Ein Großteil der Tätigkeiten, bei denen es nur um das immer gleiche Abarbeiten vorgegebener Aufgaben geht, werden dann bereits Maschinen erledigen. Der Mensch wird sich stärker auf Tätigkeiten spezialisieren, bei denen Kreativität, Intuition oder Fingerspitzengefühl gefragt sind. Ich befasse mich seit einiger Zeit mit diesen Themen, aber erst im Silicon Valley habe ich wirklich verstanden, wie weitreichend dieser Wandel sein wird.

Start-up-Ökosystem 2017: So sieht der Markt in Deutschland aus Sicht von Start-ups, Gründern und Investoren aus

Finanzierung und Anreize

EXIST-Gründerstipendium, KfW-Förderung, Industrie 4.0 Plattform, Digital Hub Initiative
366 „early stage“-Investments
Investmentvolumen 2016: USD 967 Mio.
5 Unicorns

Quelle: Deutsche Börse und EY (Ernst & Young)

Infrastruktur

Mietkosten: Berlin Ø 16,80 Dollar pro Quadratmeter
Frankfurt Ø 21,10 Dollar pro Quadratmeter
Leerstandsquote: Berlin 4 Prozent, Frankfurt 11 Prozent

Arbeitskräfte

5,2 Universitäten auf 1 Million Einwohner - 0,565 Professoren auf 1000 Einwohner
12,7 Prozent der Bevölkerung mit höherem Bildungsabschluss
465 Patente von Universitäten genehmigt (2015)
EU Blaue Karte erleichtert Arbeitserlaubnis nach Universitätsabschluss

Unternehmertum

2015 wurden 763.000 Unternehmen gegründet, 0,0093 Unternehmen pro Kopf
Scheitern nicht akzeptiert

Verwaltung & Bürokratie

Gründung meist als GmbH oder UG (keine Genehmigung notwendig)
Gesetzlich vorgeschriebene Buchführungspflicht
Pflicht zur Aufstellung eines Jahresabschlusses und der Veröffentlichung im Bundesanzeiger
Für kleine Unternehmen gelten Entlastungsregelungen bei oben genannten Punkten

Unternehmensbesteuerung

Hoher administrativer Aufwand (Melde- und Abgabepflichten auch für Start-ups)
Körperschaftsteuer: 15 Prozent + 5,5 Prozent Soli = 15,825 Prozent
Gewerbesteuer: ≈ 15 Prozent (lokale Unterschiede)

Forschungs- und Enwicklungsaufwendungen

Keine spezielle Regelung. In der Regel sofort abziehbar in Höhe der angefallenen Aufwendungen, soweit nicht zu aktivieren (keine Aktivierung selbstgeschaffener Wirtschaftsgüter)

Verlustvortrag

Bis zu einer Million Euro komplett, der eine Million Euro übersteigende Betrag wird zu 60 Prozent des Verlustvortrags verrechnet werden; (zeitlich unbeschränkt)

Begrenzter körperschaftsteuerlicher Rücktrag des Verlustes ins Vorjahr möglich
Verlusterhalt u.a. bei stillen Reserven grds. möglich
Steuerneutrale Umwandlungen ohne Aufdeckung der stillen Reserven grds. möglich

Dividendenzahlungen

25 Prozent Kapitalertragsteuer + Soli. 5,5 Prozent = 26,375 Prozent zu versteuern. (Im Inlandsfall lediglich Timing/Cash-Effekt, im Auslandsfall (Teil-)Freistellung/Erstattung auf Antrag möglich)

Besteuerung Kapitalerträge

Natürliche Personen: Beteiligungsanteil < 1 Prozent Kapitalertragsteuer besitzt abgeltende Wirkung.
Beteiligungsanteil mindestens 1 Prozent (Veräußerungsgewinne)
Juristische Personen: Veräußerungsgewinne & Dividenden steuerfrei, 5 Prozent = nicht abzugsfähige Betriebsausgabe
Teileinkünfteverfahren auf den Carried Interest bei Investitionen von VC / Private Equity Fonds (wenn immaterielle Werte eingebracht werden)

Investitionsanreiz

Förderprogramm INVEST: Nicht rückzahlbarer steuerfreier Erwerbszuschuss i.H.v. 20 Prozent der Kapitalbeteiligung (wenn Bedingungen erfüllt)

Unterstützung bei der Gründung

Beratungsdienst durch IHK eingerichtet

Kosten für Gründung

GmbH: Gründungskapital 25.000€ + zusätzliche Kosten
AG: Gründungskapital 50.000€ + zusätzliche Kosten

Arbeitnehmerschutz

Betriebsrat ab 5 Arbeitnehmern & 3 wählbaren Arbeitnehmern möglich
Kündigungsschutz mit > 5 Arbeitnehmern und Zugehörigkeit länger als 6 Monate
Ungleichbehandlung von Menschen nicht erlaubt, Quoten greifen für Startups nicht

Datenschutzrecht

sehr komplex und streng
Unternehmen mit > 9 Beschäftigten sind zur Bestellung eines
Datenschutzbeauftragten verpflichtet
Hohe Strafen bei Verletzung der Datenschutzrechte

Die zentrale Frage ist nicht: Welche Jobs fallen weg? Sondern: Wie schaffen wir es, Menschen kontinuierlich weiterzubilden und auf neue Anforderungen der Arbeitswelt vorzubereiten? Mein Aufenthalt an der Singularity University hat mich darin bestätigt, dass ich mich mindestens die kommenden zehn Jahre der Suche nach Antworten auf diese drängende Frage widmen möchte. Stetes Lernen wird für alle Menschen und auch für Firmen extrem wichtig, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dazu möchte ich meinen Beitrag leisten.

Aus dem Silicon Valley habe ich eine besondere Energie mitgenommen. Ich habe dort gelernt, ja, fast schon gespürt, welch eine enorme Kraft es einem verleiht, eine Vision zu haben – und daran zu arbeiten, diese Schritt für Schritt in die Wirklichkeit umzusetzen. Gemeinsam mit Kajetan von Armansperg habe ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland das Start-up Leapsome gegründet. Wir bieten Unternehmen eine Plattform, über die sich Mitarbeiter kontinuierlich Feedback geben können – und so jeder die Fähigkeiten weiterentwickeln kann, auf die es ankommt. Wir arbeiten in engem Austausch mit unseren Kunden daran, dass jeder Mitarbeiter Verantwortung für seine eigene Entwicklung übernimmt, dass Führungskräfte ihre Mitarbeiter wirklich coachen, dass Unternehmen zu Orten des kontinuierlichen Lernens werden.

Dass wir Leapsome dann doch in Deutschland gegründet haben, liegt nicht nur daran, dass die Kosten für solch ein Vorhaben hier deutlich niedriger sind als im Valley. Deutschland ist unsere Heimat. Das Land, in dem der größte Teil unserer Familien und unserer Freunde lebt. Das Land, dem wir den größten Teil unserer Ausbildung verdanken.

Wir wollen etwas zurückgeben: Den hiesigen Firmen etwas an die Hand geben, um die enormen Herausforderungen der Arbeitswelt von morgen zu meistern. So wollen wir unseren Teil dazu beitragen, dass Deutschland auch für unsere Kinder und deren Kinder ein lebenswertes Land sein wird.

Allem Genörgel zum Trotz, sind die Bedingungen für Gründer in Deutschland gut: Es gibt hier echte Talente und die Europäische Union ermöglicht zudem, ohne große Hürden und Kosten auch den gesamten europäischen Talentpool anzuzapfen. Zwar gibt es hier nicht so viele Start-ups wie in San Francisco oder in Boston an einem Fleck. Aber immer noch genug, um sich auszutauschen und Rat zu suchen. Der Konkurrenzkampf unter den Gründern ist in Berlin noch nicht so heftig wie im Valley. Und es gibt auch hier mehr und mehr Risikokapital.

Dennoch: Um eine der führenden oder besser noch die führende Plattform für kontinuierliches Feedback und personalisiertes Lernen aufzubauen, werden wir in nicht allzu ferner Zukunft auch den amerikanischen Markt in Angriff nehmen. Er ist größer. Und die dortigen Unternehmen sind offener, auf Dienste wie unsere zu setzen. Deutschland aber wird immer unsere Heimat bleiben. Auch für unsere Firma.

Silicon Valley: In der Kirche der Techies

Silicon Valley

Premium In der Kirche der Techies

Die Singularity University ist die einflussreichste Kaderschmiede zur Verbreitung des Techoptimismus. Einblicke in eine sektenhafte Gemeinde.

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