WirtschaftsWoche

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13.02.2018

15:42 Uhr

Berufsalltag

"Manager können der Arbeit ihrer Angestellten keinen Sinn geben"

Von: Katja Joho

  Wenn eine Tätigkeit einen Nutzen hat, ist sie sinnvoll. Erfüllend ist sie deshalb aber lange nicht. Sinnforscherin Tatjana Schell erklärt, worauf es ankommt, um im Job zufrieden zu bleiben.

Ein Mann an einem Schreibtisch Fotolia

Ist Ihre Arbeit sinnvoll? Oder erfüllend?

WirtschaftsWoche: Frau Schnell, warum ist es für uns wichtig, dass Arbeit einen Sinn hat?
Tatjana Schnell: Unsere Arbeit ist etwas, womit wir sehr viel Zeit verbringen. Wenn wir etwas tun, wofür wir uns morgens früh aus dem Bett quälen und anstrengen, sollte das zumindest sinnvoll sein. Sonst kann es leicht zu einer Belastung werden. Motivation korreliert hoch mit dem Sinnerleben. Wenn ich einen Sinn in dem sehe, was ich tue, dann habe ich auch einen guten Grund, mich zu engagieren.

Wäre es denn schlimm, wenn ich den Job einfach mache, ohne einen Sinn darin zu sehen? Viele sagen ja schließlich auch – es reicht mir, dass ich damit Geld verdiene.
Wir sollten zwei Dinge unterscheiden: der Beruf als Sinnquelle und der Beruf als sinnvolle Tätigkeit. Ein Beruf kann einerseits sinnstiftend sein. Vor allem dann, wenn ich auch meine persönlichen Ziele im Beruf verwirklichen kann. Andererseits hat aber auch jeder Beruf einen Sinn in sich– kann also theoretisch als sinnvoll erlebt werden.

Können Sie das genauer erklären?
In Berufen der Logistik, des Verkaufs oder der Verwaltung etwa gibt es wenig Gestaltungsfreiraum und diese Jobs machen das private Leben nicht unbedingt sinnerfüllter. Aber diese Tätigkeiten sind sinnvoll für das Unternehmen und die Gesellschaft. Das gilt es bewusst zu machen: Was ich tue, hat für andere einen Nutzen, einen Mehrwert. Das macht Arbeit ja im Grunde aus. Wenn ich das sehen kann- und noch einige andere Bedingungen erfüllt sind - dann ist die Arbeit auch für mich sinnvoll.

Zur Person

Tatjana Schnell

Prof. Dr. Tatjana Schnell gehört zu den Vorreitern in der Sinnforschung – ein noch recht junges Forschungsgebiet. Die Psychologin lehrt an der Universität Innsbruck Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie und Empirische Sinnforschung.

Das gelingt aber nicht immer, oder?
Dieser Aspekt tritt tatsächlich in den Hintergrund. In vielen Jobs geht es heute hauptsächlich darum, dass das Unternehmen entweder überlebt oder weiterwächst. Im Grunde also um Profit. Denken wir beispielsweise an Pflegekräfte: Wer sich für diesen Beruf entscheidet, möchte Kranken beistehen. Wenn es durch die Rationalisierung und die Einsparungen, die fast alle Kliniken erleben, primär darum geht, dass immer mehr Patienten in kürzerer Zeit behandelt werden, dann geht der ursprüngliche Sinn des Pflegens unter und die Arbeitenden empfinden ihre Arbeit sinnlos.

Trotzdem meinen Sie, theoretisch kann jedem Job ein Sinn verliehen werden? Wenn ich etwa an Fließbandarbeiter oder Regalbefüller denke, fällt es mir schwer zu glauben, dass das überhaupt möglich ist.
Auch solche Arbeit kann sehr wohl – unter den richtigen Bedingungen – als sinnvoll angesehen werden, denn sie hat ja eine Notwendigkeit. Der Sinnbegriff muss dafür etwas heruntergebrochen werden. In der Sinnforschung arbeiten wir mit vier Merkmalen. Erstens die Bedeutsamkeit des Handels: Ich weiß, dass das, was ich tue, für etwas gut ist, positive Konsequenzen hat. Als Zweites die Kohärenz. Das, was ich im Beruf tue, passt zu mir und meinem Lebensstil. Drittens die Orientierung: Hinter den Zielen, die mein Unternehmen verfolgt, kann ich stehen. Und viertens die Zugehörigkeit. Ich bin Teil von etwas, werde als Mensch wahrgenommen und fühle mich wertgeschätzt, eingebunden und bekomme Verantwortung.

Tatjana Schnell Presse

Tatjana Schnell forscht an der Uni Innsbruck.

Lassen sich diese vier Punkte in jedem denkbaren Beruf anwenden?
Diese vier Merkmale können in jedem Beruf umgesetzt werden. Nehmen wir das Beispiel der Regalbefüller: Wenn sie ihren Job nicht machen, würden die Kunden leere Regale vorfinden und letztlich würde der Supermarkt schließen müssen, denn ohne sie funktioniert es nicht. Bei der Kohärenz geht es um Punkte wie Arbeitszeitgestaltung, Vereinbarkeit mit Familie und Freizeit – die gelten genauso für Regalbefüller wie Manager. Die Orientierung bezieht sich auf das Verhalten des Unternehmens. Versucht eine Firma etwa ihre Kunden zu täuschen, kann der Mitarbeiter deshalb vielleicht nicht mehr dahinterstehen. Dann wird der Job schnell als sinnlos empfunden. Andersherum gedacht: Kann der Mitarbeiter stolz auf die Arbeit der eigenen Firma sein, stimmt das Sinnerlebnis in diesem Punkt. Auf Punkt vier, die Zugehörigkeit, haben die Vorgesetzten auch einen großen Einfluss: Wird der Einsatz der Einzelnen wahrgenommen und von Chef und Kollegen geschätzt, verleiht das dem Job Sinnhaftigkeit.

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