WirtschaftsWoche

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09.11.2017

11:37 Uhr

Schuldneratlas

"Hohe Schulden reichen bis tief in die Mittelschicht hinein"

Von: Mark Fehr

Interview  Die Zahl der verschuldeten Deutschen steigt weiter. Wie schnell Schuldner in eine Abwärtsspirale geraten können und warum der Verlust des Autos besonders schmerzt, erklärt die Wissenschaftlerin Patricia Pfeil.

Getty Images

Trotz der guten Konjunktur können immer mehr Menschen in Deutschland ihre Rechnung nicht mehr bezahlen. In diesem Jahr sei die Zahl der überschuldeten Personen in der Bundesrepublik um rund 65 000 auf über 6,9 Millionen gestiegen, berichtet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Das heißt: Bei gut jedem zehnten Erwachsen sind die Gesamtausgaben dauerhaft höher als die Einnahmen. Patricia Pfeil vom Süddeutschen Institut für empirische Sozialforschung kennt die Schicksale hinter den Zahlen.

WirtschaftsWoche: Frau Pfeil, Sie haben zusammen mit anderen Wissenschaftlern zahlreiche überschuldete Familien im Rahmen eines Forschungsprojekts interviewt. Wie sieht der typische Schuldner aus?
Frau Patricia Pfeil: Das Problem ist relativ weit verbreitet, den typischen Schuldner gibt es daher nicht. Hohe Schulden sind kein Problem allein der Unterschicht oder von Randgruppen, sondern es reicht tief in die Mittelschicht hinein. Zu den Betroffenen zählen auch Ärzte und Ingenieure, also Berufsgruppen mit relativ hohem Ausbildungsstand. Es trifft Paare, Alleinstehende, Männer und Frauen. Hier kann man kaum statistische Merkmale definieren. Selbst Prominente wie Boris Becker können in Schuldenprobleme geraten.

Zur Person

Patricia Pfeil

Patricia Pfeil ist Professorin an der Hochschule Kempten und Vorstand des Süddeutschen Instituts für empirische Sozialforschung.

Sie erwähnten Ärzte und Ingenieure – sind Freiberufler besonders gefährdet?
Freiberufler können tatsächlich ein höheres Schuldenrisiko aufweisen, darauf weisen Aussagen in unseren Interviews hin. Das liegt daran, dass Angehörige dieser Berufsgruppe in eigene Büros und Arbeitsgeräte investieren müssen und stärker von Marktschwankungen betroffen sind als Angestellte. Erschwerend kommt hinzu, dass Freiberufler oft auf den Abschluss einer Krankenversicherung verzichten. So kann Krankheit schnell zu Überschuldung führen. Zum anderen zögern die Nicht-Versicherten Arztbesuche hinaus. Das rächt sich im Extremfall mit chronischen Krankheiten und schlechten Zähnen.

Wann hat man ein Schuldenproblem?
Die von uns interviewten Schuldner waren vielfach im Privatinsolvenzverfahren. Dabei werden alle Einkünfte bis zu sechs Jahre lang gepfändet, um wenigstens einen Teil der Gläubigeransprüche zu decken.

Was passiert mit den Betroffenen?
Sie versuchen, ihr bisheriges Leben so lange wie es geht aufrecht zu erhalten und ermöglichen zum Beispiel ihren Kindern weiterhin die Teilnahme an Klassenfahrten oder Klavierstunden. Schuldner erleben es als Abwärtsspirale, wenn sie früher beim Metzger eingekauft haben, sich dann nur noch Supermärkte leisten können und schließlich beim Discounter landen. Gewohnheiten müssen geändert werden, man rutscht aus der Schicht, zu der man fest zu gehören glaubte.

Schaffen Schuldner es, da herauszukommen?
Viele Schuldner arbeiten sehr hart, manche nehmen sogar Zweitjobs an, um über die Runden zu kommen. Besonders schmerzhaft ist der Verlust des Autos. Dieses braucht man nicht nur, um zur Arbeit zu kommen, es ist auch ein ganz wichtiges Symbol für das gewohnte bürgerliche Leben.

Wofür die Deutschen einen Kredit aufnehmen

Platz 1

Gebrauchtwagen

32 Prozent (-1%-Punkt zu 2016)

Platz 2

Neuwagen

26 Prozent (+1%-Punkt zu 2016)

Platz 3

Möbel, Küche

17 Prozent (unverändert zu 2016)

Platz 4

Ablösung Ratenkredit(e)

15 Prozent (+2%-Punkte zu 2016)

Platz 5

Unterhaltungselektronik / Computer

14 Prozent (-3%-Punkte zu 2016)

Platz 6

Haushaltsgroßgeräte

13 Prozent (-1%-Punkt zu 2016)

Platz 7

Ausgleich eines Dispositionskredits

12 Prozent (-1%-Punkt zu 2016)

Platz 8

Renovierung, Umzug

10 Prozent (unverändert zu 2016)

Platz 9

Bekleidung, Schmuck

7 Prozent (-4%-Punkte zu 2016)

Platz 10

Urlaub

6 Prozent (-4%-Punkte zu 2016)

Quelle

"Marktstudie 2017 – Konsum- und Kfz-Finanzierung" der GfK Finanzmarktforschung im Auftrag des Bankenfachverbands

Warum sind Symbole und Fassaden so wichtig?
In unserer Gesellschaft gelten Finanzsorgen als persönliche Schwäche. Schuldner befürchten, als undiszipliniert und unfähig dazustehen, wenn ihr Problem bekannt wird. Viele der von uns Interviewten hatten vorher noch nicht einmal mit Ihren Verwandten über ihre Finanzprobleme gesprochen.

Wie kann man sich vor Schulden schützen?
Mit besserem Finanzwissen. Zudem machen viele Banken es Verbrauchern leicht, sich zu verschulden. Von teuren Kontoüberziehungen sollte man die Finger lassen und stattdessen einen Konsumentenkredit aufnehmen, wenn es gar nicht anders geht.

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