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12.01.2018

06:00 Uhr

Schlusswort

Ehre und Verantwortung

Von: Miriam Meckel

kolumne  Der Fall Dieter Wedel, Ehre und Verantwortung: investigativer Journalismus und die Machtfrage.

Oprah Winfrey bei den Golden Globe Awards in Beverly Hills. AP

Oprah Winfrey bei den Golden Globe Awards in Beverly Hills.

Es gibt einen Satz in der viel gepriesenen und ebenso heftig attackierten Dankesrede von Oprah Winfrey bei den Golden Globes, der einen wesentlichen Unterschied in der Debatte um sexualisierte Gewalt macht. Und der lautet: „Zu lange sind die Frauen nicht gehört worden, die sich getraut haben, gegen allzu mächtige Männer aufzubegehren. Oder es ist ihnen nicht geglaubt worden. Diese Zeiten sind nun vorbei.“ Oprah Winfrey sagt damit etwas eigentlich Selbstverständliches. Sexuelle Selbstbestimmung ist nicht allein eine Frage von individueller Betroffenheit, von Twitter-Hashtags und zuweilen verbittert geführten Debatten in Öffentlichkeit und privatem Freundeskreis. Es ist eine Machtfrage und eine Frage der Verantwortung.

Ganz so klar ist das manch einem offenbar nicht. Denn ein Beitrag des „Zeitmagazins“ über die Anschuldigungen von drei Frauen gegen den Regisseur Dieter Wedel, zwei davon namentlich genannte Schauspielerinnen und eine anonyme Quelle, erzeugt heftige Reaktionen. Als „mediale Hinrichtung“ beschreibt ihn die ehemalige Gerichtsreporterin des „Spiegels“, Gisela Friedrichsen, in der „Welt“. Ein „Star Anwalt“ darf ihn in „Cicero“ als Beginn einer „Kampagne“ interpretieren, „die dazu angetreten ist, sämtliche Regeln des Rechtssystems auszuhebeln“.

Wie bitte? Dem „Zeitmagazin“ liegt von beiden Schauspielerinnen eine eidesstattliche Erklärung vor. Wedel bestreitet die Vorwürfe an Eides statt. Das ist leider der normale juristische Lauf der Dinge bei Anschuldigungen wegen sexualisierter Gewalt. Es steht Aussage gehen Aussage. Wedel könnte gegen die eidesstattliche Versicherung der Schauspielerinnen klagen, und die könnten gegen seine klagen. Dann muss ermittelt werden. Es mag dabei womöglich nicht viel Erhellendes zutage kommen. Das aber kann kein Grund sein, die Dinge nicht mehr beim Namen zu nennen.

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Im Journalismus sind zwei eidesstattliche Versicherungen jedenfalls ein ausreichender Mindestbestand an Beweistatsachen, um zu berichten. Ohne diese Form der Verdachtsberichterstattung gäbe es keinen investigativen Journalismus, die Medien könnten die ihnen mit Artikel 5 GG zugewiesene Aufgabe der öffentlichen Meinungsbildung gar nicht erfüllen.

Warum, so der Kernvorwurf, kommen die Frauen jetzt, wo die mutmaßlichen Taten juristisch verjährt sind? Warum haben sie die nicht direkt angezeigt. Nun, diese Frage ließe sich mit ein wenig Recherche und Nachdenken leicht beantworten. Dankenswerterweise hat Winfrey dies nun in ihrer Rede getan. Die Antwort lautet: Weil wir in einer Unkultur gelebt haben (und zum Teil noch immer leben), in der sich Frauen nicht trauen. Die vielen Fälle sexualisierter Gewalt verlaufen meist in zwei Stufen: Erst geht es um konkreten Sex als Ausdruck von Macht. Dann geht es um die systematische Ausgrenzung der Betroffenen. Wer über den ersten Schritt redet, kann sich des zweiten ziemlich sicher sein. Deshalb sagte der ehemalige Generalstaatsanwalt Hansjürgen Karge in einer TV-Talkrunde: „Meiner Tochter würde ich im Zweifel raten, nicht zur Polizei zu gehen.“ Er meint: im Falle einer Vergewaltigung.

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Vielleicht gelingt es ja noch, die Diskussion mit etwas weniger Schaum vor dem Mund weiterzuführen und dabei den Unterschied zu beherzigen, der aus guten Gründen zwischen Recht und Moral, zwischen Legalität und Legitimität liegt. Wenn eine mutmaßliche Tat verjährt ist, kann sie nicht mehr bestraft werden. Das ist ein wichtiger Grundsatz in einem demokratischen Rechtsstaat. Auch wer die Wiederherstellung des Rechtsfriedens akzeptiert, findet allerdings nicht unbedingt gleichzeitig seinen Seelenfrieden wieder. Manchmal kann es Jahrzehnte dauern, bis der Zeitpunkt des Sprechens gekommen ist. Und der hängt auch vom Debattenumfeld ab. Die Zeiten ändern sich, wie Oprah gesagt hat. Sie ändern auch die Bereitschaft, spät – juristisch zu spät – über Erfahrenes zu reden.

Deshalb müssen Medien, gestützt auf gewichtige Hinweise, berichten dürfen. Menschen mit Macht haben eine besondere Verantwortung als Vorbild und Führungskraft. Diese moralische Dimension verjährt nicht. Nicht bei mutmaßlich korrupten Politikern, nicht bei Unternehmern als mutmaßlichen Steuerhinterziehern und nicht bei Kulturschaffenden als mutmaßlichen Vergewaltigern. In solchen Fällen gibt es immer zwei Antworten auf die Frage der Ehre: die der potenziellen Täter und die der potenziellen Opfer.

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