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03.01.2018

13:46 Uhr

Spekulation um Megadeal

Kauft Apple wirklich Netflix?

Von: Christof Kerkmann
Quelle:Handelsblatt Online

  Zwei Analysten spekulieren munter, dass der US-Gigant Apple mit einiger Wahrscheinlichkeit das Videoportal Netflix kauft. Die Geschichte klingt gut – doch es gibt etliche Gründe, die dagegen sprechen.

Das Portal ist mit mehr als 100 Millionen Abonnenten der weltweit größte Online-Videodienst und hat in den vergangenen Jahren einen umfangreichen Katalog mit eigenen Inhalten aufgebaut. dpa

Das Portal ist mit mehr als 100 Millionen Abonnenten der weltweit größte Online-Videodienst und hat in den vergangenen Jahren einen umfangreichen Katalog mit eigenen Inhalten aufgebaut.

Der Jahreswechsel ist die Zeit für Rück- und Ausblicke. Und so setzten sich im Dezember die beiden Analysten Jim Suva und Asiya Merchant von der Citibank zusammen, um gemeinsam über die Zukunft von Apple zu spekulieren. Der wertvollste börsennotierte Konzern der Welt fasziniert schließlich die Wall Street.

Was sie in einem Report aufgeschrieben haben, macht nun weltweit Schlagzeilen: Sie behaupten, dass der iPhone-Hersteller mit einiger Wahrscheinlichkeit den Videodienst Netflix übernehmen wird. Was ist da dran?

Warum kommt die Spekulation jetzt auf?

Eine Übernahme von Netflix wäre untypisch für Apple: Der Elektronikhersteller scheut große Deals. Der teuerste Zukauf in der Geschichte war der Kopfhörerhersteller Beats für rund drei Milliarden Dollar – eine überschaubare Summe für den wertvollsten börsennotierten Konzern der Welt. Auch für die Musikerkennungs-App Shazam, die Apple nun kaufen will, werden höchstens 400 Millionen Dollar fällig. Die beiden Analysten der Citibank glauben jedoch, dass sich durch die Steuerreform der US-Regierung unter Präsident Donald Trump die Situation ändern könnte.

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Hintergrund: Bislang zahlen Unternehmen in den USA eine vergleichsweise hohe Körperschaftssteuer von 35 Prozent. Deswegen haben viele – darunter Apple – Steuersparmodelle entwickelt und bewahren große Teile ihrer Gewinne im Ausland auf. Mit dem neuen Gesetz sinkt der Tarif auf 21 Prozent. Wichtiger noch: Bei der Rückführung von Erträgen in die USA wird nicht mehr der volle Satz fällig, sondern nur noch einmalig acht bis 15,5 Prozent, je nach Liquidität der Mittel.

Die Rechnung der Citi-Analysten geht daher so: Apple hat derzeit fast 250 Milliarden Dollar im Ausland, jedes Jahr kommen rund 50 Milliarden Dollar hinzu. Bei einer Rückführung der Reserven stünden dem Konzern abzüglich der Steuern rund 220 Milliarden Dollar zur Verfügung. Diese könnte Konzernchef Tim Cook entweder für Aktienrückkäufe und Dividenden verwenden – oder für Übernahmen. Die Marktkapitalisierung von Netflix liegt derzeit bei rund 87 Milliarden Dollar.

Warum ist Netflix für Apple interessant?

Apple ist bekannt für iPhone und iPad, Apple Watch, Apple TV und den Mac. Trotzdem sind Inhalte und Dienstleistungen für den Konzern wichtig. Erstens tragen sie zur Attraktivität der Geräte bei: Wer sich ein neues Modell kauft, bekommt Zugang zu den Apps, dem Musikdienst Apple Music oder dem Bezahldienst Apple Pay. Zweitens sind die Dienste für sich ein lukratives Geschäft: Im Geschäftsjahr 2017, das am 30. September endete, erwirtschaftete die Sparte 37 Milliarden Dollar.

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Bei digitaler Musik ist Apple ein Riese: Noch unter der Führung des verstorbenen Gründers Steve Jobs baute der Konzern iTunes zum größten Musikgeschäft der Welt aus. Und der Streaming-Dienst Apple Music hat immerhin 27 Millionen Abonnenten. Bei digitalen Videos ist Apple jedoch ein Zwerg. Bisherige Versuche, mit den großen Filmstudios exklusive Deals abzuschließen, sind weitgehend gescheitert. In der Zwischenzeit haben Netflix und Amazon Videodienste mit hochwertigen Eigenproduktionen aufgebaut, auch Walt Disney arbeitet an so einem Angebot.

Um nicht völlig den Anschluss zu verlieren, will Apple selbst exklusive Inhalte entwickeln. Im Sommer berichtete das „Wall Street Journal“, dass der Konzern eine Milliarde Dollar für eigene Produktionen ausgeben wolle. Im Herbst warb er zwei hochrangige Manager von Sony Pictures ab. Einer der beiden, Jamie Erlicht, sagte, Apple wolle Programme in „unvergleichlicher Qualität“ entwickeln. Dieser Kampfansage muss der Konzern aber noch Taten folgen lassen, bisherige Produktionen wie „Carpool Karaoke“ überzeugten die Kritiker nicht.

Netflix ist mit mehr als 100 Millionen Abonnenten der weltweit größte Online-Videodienst und hat in den vergangenen Jahren einen umfangreichen Katalog mit eigenen Inhalten aufgebaut, von Serien wie „House of Cards“ bis zum jüngst veröffentlichten Film „Bright“ mit Will Smith. Im Fall einer Übernahme wäre Apple auf einen Schlag die Nummer eins – und könnte mit Amazon konkurrieren, das ebenfalls massiv in seinen Videodienst investiert.

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Wie realistisch sind diese Vermutungen?

Die beiden Analysten der Citibank begründen ihren Report nicht mit Informationen aus den Firmen oder der Branche, sie argumentieren über die Industrielogik: Für Apple könnte es sinnvoll sein, das eigene Videoangebot auszubauen – warum also nicht die Reserven dafür nutzen? Sie schätzen die Wahrscheinlichkeit einer Netflix-Übernahme auf 40 Prozent.

Die beiden haben indes eine längere Liste mit potenziell interessanten Firmen erstellt, auf der etwa auch Disney steht. Wahrscheinlichkeit: 20 bis 30 Prozent (wobei der Report vor der Ankündigung entstand, dass der Medienkonzern große Teile von 21st Century Fox kaufen will). Weitere Kandidaten sind demnach die Spielehersteller Activision, Electronic Arts und Take Two mit jeweils 10 Prozent.

Allerdings gibt es viele Gründe, die dagegen sprechen. Einerseits finanzielle: Netflix ist bereits sehr hoch bewertet. Andererseits kulturelle: Apple kauft meist kleine Firmen, um deren Technologie und Mitarbeiter zu gewinnen. Ein Unternehmen vom Kaliber Netflix würde dem Konzern große Anstrengungen bei der Integration abverlangen und damit vom Kerngeschäft mit iPhone & Co. ablenken. Würde Tim Cook so ein Risiko eingehen? Apple kommentierte Spekulationen zu Übernahmen nicht.

Falls die Citi-Analysten mit ihrer Prognose danebenliegen, ist es für sie nicht tragisch: Sofern sich in einigen Monaten jemand daran erinnert, können sie sich darauf berufen, dass der Fall eingetreten ist, der mit 60 Prozent ohnehin wahrscheinlicher war. Und bis dahin machen sie einige schöne Schlagzeilen.

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