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Authentizität

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Soziale Chamäleons machen Karriere

Wenn Psychologen messen wollen, wie authentisch eine Person ist, stellen sie ihr ein paar Fragen: Können Sie sich gut in Szene setzen? Interessiert es Sie, wie andere Ihr Verhalten beurteilen? Integrieren Sie sich schnell in neue Gruppen? Hinterher wissen Forscher, ob jemand sich selbst treu ist oder ein soziales Chamäleon.

Den entsprechenden Test entwickelte der US-Sozialpsychologe Mark Snyder bereits 1974. Seitdem haben Wissenschaftler in Hunderten von Forschungspapieren untersucht, wer im Beruf erfolgreicher ist – die Anpasser oder die Authentischen. Psychologen um David Day, der heute am Claremont McKenna College forscht, fassten 136 dieser Studien vor ein paar Jahren zusammen. Das eindeutige Ergebnis: Je authentischer die Teilnehmer, desto niedriger die Arbeitsleistung und desto schlechter die Beförderungschancen.

Karriere machten die Chamäleons. Weil sie einen festen Kern an Charaktermerkmalen haben, aber trotzdem flexibel bleiben; weil sie Veränderungen in ihrem Umfeld schneller erkennen und sich anpassen; weil sie nicht stur sie selbst bleiben.

Das macht sie zum Beispiel zu besseren Netzwerkern, wie ein Experiment von Ajay Mehra und Kollegen von der Universität von Kentucky zeigt. Als sie die Abläufe in einem Konzern betrachteten, stellten sie fest: Wer die Gegebenheiten geschickt adaptierte, war im Unternehmensnetzwerk an zentralen, strategisch wichtigen Knotenpunkten beschäftigt. Wer sich selbst treu blieb, blieb damit tendenziell am Rand des Netzwerks.

Ähnliches fanden Forscher um Amir Goldberg von der Universität von Stanford 2016 heraus. Das Team untersuchte mithilfe eines Algorithmus die Sprache, die 600 Mitarbeiter einer Techfirma im Verlauf von fünf Jahren in mehr als zehn Millionen internen Mails verwendet hatte: Besonders erfolgreich waren die Mitläufer, die ihre Sprache und ihren Kommunikationsstil an die Unternehmenskultur anpassten.

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Auch Rainer Niermeyer sieht die Vorteile der Geschmeidigkeit. „Überall wird gepredigt, dass man authentisch sein soll, dabei sind diejenigen am erfolgreichsten, die am besten ihre Rolle spielen.“ Niermeyer war früher Geschäftsleitungsmitglied bei Kienbaum Management Consultants, heute coacht er Führungskräfte und berät Unternehmen in Personalfragen. Vor ein paar Jahren hat er dem „Mythos Authentizität“ ein Buch gewidmet. Der Begriff stört ihn heute noch. Eine Jobbeschreibung solle man interpretieren wie eine Regieanweisung, findet Niermeyer. Dazu sei es manchmal nötig, sich zu verändern. „Wer immer darauf besteht, authentisch zu sein, entwickelt sich nicht weiter“, sagt er. „Authentisch sein kann man gerne im Urlaub oder in der Freizeit, aber bitte nicht im Büro.“

Professionelles Verhalten ist gefragt

Führungskräfte zum Beispiel müssen für das Fortkommen der Organisation auch mal dominant sein und Entscheidungen gegen Widerspruch durchsetzen. An anderen Tagen müssen sie sich zurücknehmen und ihren Mitarbeitern zuhören, um sie bei Laune zu halten. „Manche mögen dazu Industrieschauspieler sagen, ich nenne das professionelles Arbeitsverhalten“, sagt Rainer Niermeyer. Und dazu gehöre auch das Bewusstsein, sein Ego gegenüber Kollegen zurückzustellen.

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Der erste Eindruck ist mehr als wichtig. Er entscheidet auch im Job über den Erfolg. Wie man es richtig macht – und wie nicht.

Wer Kollegen beleidigt und Mitarbeiter anschreit, nur weil er sich gerade danach fühlt, mag sich zwar selbst treu bleiben. Und er kann sich dann vielleicht auch mit einem „Ich bin nun mal so impulsiv!“ rechtfertigen. Nur gibt er damit jede Verantwortung für das eigene Handeln ab, verletzt fahrlässig seine Mitmenschen und vergiftet die Stimmung. „Man kann im Büro nicht ständig sein Innerstes nach außen kehren“, sagt auch die Psychologin Astrid Emmerich von der Medical School Hamburg, die Authentizität im Berufsleben erforscht. „Wenn jeder in jedem Moment sagt, was er denkt, funktioniert kein Unternehmen mehr.“

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