WirtschaftsWoche

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09.08.2017

08:00 Uhr

Wirtschaft im Weitwinkel

Kritik an deutscher Lohnpolitik geht ins Leere

Von: Stefan Bielmeier

kolumne  Die Diskussion über den hohen Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands und seine Ursachen hat wieder Fahrt aufgenommen. Doch Vorsicht: Aus politischen Gründen werden gern wichtige Faktoren einfach ausgeblendet.

Volle Kasse - die Kritik an den deutschen Exportüberschüssen wird wieder lauter. dpa

Volle Kasse - die Kritik an den deutschen Exportüberschüssen wird wieder lauter.

Bei der internationalen Kritik ist auch der Ruf nach höheren Lohnsteigerungen zuletzt immer lauter geworden. Diese Forderung basiert auf der Annahme, Deutschland habe sich durch eine zu große Lohnzurückhaltung in früheren Jahren einen „unfairen“ Vorsprung in der Wettbewerbsfähigkeit verschafft, der nun durch ein entsprechend stärkeres Lohnwachstum wieder abgebaut werden sollte. 

Vor allem in der angelsächsischen Kritik am deutschen Wirtschaftsmodell spielt das Lohnargument eine wichtige Rolle. So hat jüngst das englische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ hervorgehoben, dass der Anteil der Konsumausgaben an der gesamten Wirtschaftsleistung in Deutschland besonders niedrig sei. Die Einkommen der privaten Haushalte – so ihr Argument – hätten in den vergangenen Jahren nicht mit der Gesamtwirtschaft mithalten können, weil die Löhne in Deutschland eben nicht schnell genug ansteigen.

Diese Argumentation ist jedoch zu einfach. Denn die Entwicklung von Löhnen und Gehältern ist in Deutschland keine wirtschaftspolitische Stellgröße, sondern das Resultat der Verhandlungen unabhängiger Tarifpartner. Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände haben die Interessen ihrer Mitglieder im Blick und sind insbesondere der Regierung gegenüber nicht weisungsgebunden.

Wirtschaft im Weitwinkel: Warum es so schwierig ist, den Handelsüberschuss abzubauen

Wirtschaft im Weitwinkel

kolumne Warum es so schwierig ist, den Handelsüberschuss abzubauen

Die Welt scheint sich einig: Deutschlands Überschuss in der Leistungsbilanz ist zu groß. Das kritisieren auch Politiker wie Lagarde und Macron. Die Forderung aber, diese Überschüsse zu halbieren, ist unrealistisch.

Der Anteil der Konsumausgaben an der gesamten Wirtschaftsleistung ist in Deutschland zwar etwas niedriger als in anderen großen Industrieländern. Jedoch sind die Unterschiede in den vergangenen zehn Jahren etwa im Vergleich zu Frankreich oder Spanien nur recht gering gewesen und können daher nicht als Erklärung der Leistungsbilanzentwicklung dienen. Aus dem Rahmen fallen im Vergleich der Industrieländer eher die hohen Konsumquoten in Großbritannien und den Vereinigten Staaten.

Weniger verfügbares Einkommen bei Selbständigen und Vermögenden

Tatsächlich hat sich der Anteil der privaten Konsumausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den vergangenen Jahren in Deutschland – wie auch in anderen europäischen Ländern – merklich verringert. Dies ging einher mit einer schwächeren Entwicklung der verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte relativ zur gesamten Wirtschaftsleistung. Allerdings ist der Grund hierfür nicht etwa eine schwächere Entwicklung der Lohneinkommen. Denn der Anteil der Löhne und Gehälter am BIP hat sich seit der Krise 2008/2009 wieder stabilisiert und liegt heute höher als im langjährigen Durchschnitt.

Die wettbewerbsfähigsten Länder der Welt 2017

Rang 20

Island
Vorjahr: Rang 23
Veränderung: +3

Quelle: The IMD World Competitiveness Ranking 2017, Stand: 31.05.2017

Rang 19

Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland
Vorjahr: Rang 18
Veränderung: -1

Rang 18

Festlandchina
Vorjahr: Rang 25
Veränderung: +7

Platzierung gemäß Subkategorie
Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 2
Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 45
Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 18
Infrastruktur (infrastructure): Rang 25

Rang 17

Katar
Vorjahr: Rang 13
Veränderung: -4

Rang 16

Neuseeland
Vorjahr: Rang 16
Veränderung: -

Platzierung gemäß Subkategorie
Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 32
Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 5
Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 20
Infrastruktur (infrastructure): Rang 23

Rang 15

Finnland
Vorjahr: Rang 20
Veränderung: +5

Rang 14

Taiwan
Vorjahr: Rang 14
Veränderung: -

Rang 13

Deutschland
Vorjahr: Rang 11
Veränderung: -1

Rang 12

Kanada
Vorjahr: Rang 10
Veränderung: -2

Rang 11

Norwegen
Vorjahr: Rang 9
Veränderung: -2

Platzierung gemäß Subkategorie
Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 48
Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 6
Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 7
Infrastruktur (infrastructure): Rang 5

Rang 10

Vereinigte Arabische Emirate
Vorjahr: Rang 15
Veränderung: +5

Platzierung gemäß Subkategorie
Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 5
Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 4
Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 2
Infrastruktur (infrastructure): Rang 37

Rang 9

Schweden
Vorjahr: Rang 5
Veränderung: -4

Platzierung gemäß Subkategorie
Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 17
Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 14
Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 9
Infrastruktur (infrastructure): Rang 3

Rang 8

Luxemburg
Vorjahr: Rang 11
Veränderung: +3

Platzierung gemäß Subkategorie
Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 3
Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 15
Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 6
Infrastruktur (infrastructure): Rang 22

Rang 7

Dänemark
Vorjahr: Rang 6
Veränderung: -1

Platzierung gemäß Subkategorie
Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 20
Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 7
Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 8
Infrastruktur (infrastructure): Rang 4

Rang 6

Irland
Vorjahr: Rang 7
Veränderung: +1

Platzierung gemäß Subkategorie
Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 4
Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 9
Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 3
Infrastruktur (infrastructure): Rang 19

Rang 5

Niederlande
Vorjahr: Rang 8
Veränderung: +3

Platzierung gemäß Subkategorie
Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 9
Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 12
Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 4
Infrastruktur (infrastructure): Rang 8

Rang 4

USA
Vorjahr: Rang 3
Veränderung: -1

Platzierung gemäß Subkategorie
Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 1
Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 27
Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 14
Infrastruktur (infrastructure): Rang 2

Rang 3

Singapur
Vorjahr: Rang 4
Veränderung: +1

Platzierung gemäß Subkategorie
Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 6
Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 3
Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 10
Infrastruktur (infrastructure): Rang 7

Rang 2

Schweiz
Vorjahr: Rang 2
Veränderung: -

Platzierung gemäß Subkategorie
Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 15
Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 2
Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 5
Infrastruktur (infrastructure): Rang 1

Rang 1

Hongkong
Vorjahr: Rang 1
Veränderung: -

Platzierung gemäß Subkategorie
Wirtschaftliche Leistung (economic performance): Rang 11
Effizienz der Regierung (government efficiency): Rang 1
Wirtschaftliche Effizienz (economic efficiency): Rang 1
Infrastruktur (infrastructure): Rang 20

Verantwortlich für den relativen Rückgang der verfügbaren Einkommen ist vielmehr die Schwäche von Selbstständigen- und Vermögenseinkommen. Vor allem die Vermögenseinkommen, zu denen Zinsen, Ausschüttungen, Gewinnentnahmen sowie sonstige Kapitalerträge zählen, leiden unter den Auswirkungen des Niedrigzinsumfelds: Der Anteil der „Zinsen und Pachteinkommen“ am verfügbaren Einkommen hat sich seit dem Jahr 2008 mehr als halbiert. 

Das Argument der zu niedrigen Löhne unterstellt, dass sich Deutschland durch die relativ schwachen Tariferhöhungen einen permanenten Vorteil in der preislichen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den europäischen Nachbarn verschafft hätte. Vergleicht man die Entwicklung der Lohnstückkosten in Deutschland und den wichtigsten EWU-Staaten seit 1999, und zwar jeweils relativ zum EWU-Durchschnitt, so zeigt sich tatsächlich ein „Vorsprung“.

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