WirtschaftsWoche

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21.04.2017

12:24 Uhr

Aufholjagd der chinesischen Autobauer

Vom Crashtest-Versager zum Branchenschreck

Von: Lea Deuber

  Vor einigen Jahren fielen chinesische Autos reihenweise durch die Crashtests. Hatten deutsche Autokonzerne einst nur Spott übrig, werden sie mittlerweile als ernste Konkurrenz gehandelt. Wie gut sind China-Autos heute?

Landwind X6 und Lynk&Co 01 PR

Landwind X6 und Lynk&Co 01: Zwischen beiden Autos liegen nur zwölf Jahre.

Hu Xiafeng dreht sich nach rechts und blickt kurz über seine Schulter. In der Hand ein Selfiestick, an dessen Ende sein Handy, mit dem er ein Video aufnimmt. Darüber schauen ihm nun 10.000 Menschen zu, wie er über das rote Automodell spricht, das hinter ihm auf dem Bildschirm zu sehen ist. In der Hosentasche des 27-Jährigen mit der runden Brille und Karo-Hemd steckt ein Ersatz-Akku. Hu Xiafeng ist Autoexperte und betreibt einen populären Livestreaming-Kanal in China. Heute berichtet er von der Automesse in Shanghai. Normalerweise steuert er sofort die Stände der ausländischen Hersteller an. Doch dieses Jahr ist er zum ersten Mal vor allem bei chinesischen Herstellern unterwegs.

Shanghais Automesse, die diese Woche gestartet ist, ist inzwischen zum wichtigsten Branchentreffen der Automobilindustrie gewachsen. In keinem Land werden mehr Autos verkauft. Chinas Konjunktur hat sich zum Pulsschlag der Industrie entwickelt. Gleichzeitig richtet sich dort der Blick nicht mehr nur auf die deutschen, japanischen und amerikanischen Autobauer. Chinesische Hersteller machen den internationalen immer stärker Konkurrenz.

Dazu gehören alteingesessene Riesen wie Great Wall, BYD und Geely, die Millionen Fahrzeuge verkaufen. Dieses Jahr sind Anbieter dabei, die bisher der Masse unbekannt waren. Geelys Tochterunternehmen Lynk & Co, das Shanghaier Start-up Next EV mit seiner Marke Nio sowie das Hongkonger Unternehmen Hybrid Kinetic Group. Einige planen, nicht nur in China mit Fahrzeugen auf den Markt zu kommen. Auch in den USA und Europa sollen ihre Autos in Zukunft unterwegs sein. Haben die deutschen Autobauer früher über Chinas erste Gehversuche gespottet, setzen sie diese inzwischen zunehmend unter Druck.

Hu dreht mit seinem Handy am Stand von Lynk & Co. Er drängt sich zwischen jungen Menschen hindurch, die meisten um die 25 Jahre alt. Dazwischen drücken sich verstohlen einige Vertreter der Konkurrenz herum. Es hat sich eine lange Schlange gebildet, 20 Minuten müssen die Besucher warten. Die Menschenmenge kann man noch vom BMW-Stand aus sehen, obwohl sie fast eine halbe Halle trennt. Im Zentrum steht eine kreisrunde Schaukel, auf der junge Menschen sitzen und Selfies schießen, daneben zwei Wippen in schwarz.

Chinas Autobauer holen in atemberaubendem Tempo auf

In einer Ecke stehen zwei Exemplare des Modells, um das es eigentlich geht. Ein bulliges SUV, in blau und rot. Auf der anderen Seite das zweite Modelle der Neugründung: Eine geräumige Limousine. Ab 2017 will Lynk & Co in China an den Markt gehen, ab 2018 wird es die Autos in Europa und den USA zu kaufen geben. Erste Zielmarke: Eine halbe Million verkaufte Fahrzeuge bis 2020.

Auch in China boomen SUV

2008

Limousinen: 5.047.000 Fahrzeuge
SUV: 448.000 Fahrzeuge
MPV*: 197.000 Fahrzeuge
Minivans: 1.064.000 Fahrzeuge
Gesamt: 6.756.000 Fahrzeuge

Quelle: Chinesischer Branchenverband CAAM

Die Daten beziehen sich auf den Verkauf von Herstellern an die Händler, nicht auf den Verkauf an die Endkunden.

*Multi Purpose Vehicle, entspricht einem Van

2009

Limousinen: 7.473.000 Fahrzeuge
SUV: 659.000 Fahrzeuge
MPV: 249.000 Fahrzeuge
Minivans: 1.950.000 Fahrzeuge
Gesamt: 10.331.000 Fahrzeuge

2010

Limousinen: 9.494.000 Fahrzeuge
SUV: 1.326.000 Fahrzeuge
MPV: 445.000 Fahrzeuge
Minivans: 2.492.000 Fahrzeuge
Gesamt: 13.757.000 Fahrzeuge

2011

Limousinen: 10.123.000 Fahrzeuge
SUV: 1.595.000 Fahrzeuge
MPV: 498.000 Fahrzeuge
Minivans: 2.258.000 Fahrzeuge
Gesamt: 14.473.000 Fahrzeuge

2012

Limousinen: 10.745.000 Fahrzeuge
SUV: 2.989.000 Fahrzeuge
MPV: 493.000 Fahrzeuge
Minivans: 2.257.000 Fahrzeuge
Gesamt: 15.795.000 Fahrzeuge

2013

Limousinen: 12.010.000 Fahrzeuge
SUV: 2.989.000 Fahrzeuge
MPV: 1.305.000 Fahrzeuge
Minivans: 1.625.000 Fahrzeuge
Gesamt: 17.929.000 Fahrzeuge

2014

Limousinen: 125.376.000 Fahrzeuge
SUV: 4.078.000 Fahrzeuge
MPV: 1.914.000 Fahrzeuge
Minivans: 1.332.000 Fahrzeuge
Gesamt: 19.701.000 Fahrzeuge

2015

Limousinen: 10.531.000 Fahrzeuge
SUV: 5.500.000 Fahrzeuge
MPV: 1.888.000 Fahrzeuge
Minivans: 1.008.000 Fahrzeuge
Gesamt: 18.927.000 Fahrzeuge

2016

Limousinen: 12.150.000 Fahrzeuge
SUV: 9.021.000 Fahrzeuge
MPV: 2.496.000 Fahrzeuge
Minivans: 683.000 Fahrzeuge
Gesamt: 24.350.000 Fahrzeuge

2017 (bis Ende März)

Limousinen: 1.849.000 Fahrzeuge
SUV: 1.553.000 Fahrzeuge
MPV: 354.000 Fahrzeuge
Minivans: 94.000 Fahrzeuge
Gesamt: 3.851.000 Fahrzeuge

Lynk & Co ist ein Ableger des chinesischen Autoherstellers Geely. Senior Vice President der Neugründung ist der Belgier Alain Visser, der seit über 30 Jahren in der Autoindustrie arbeitet. Vorher war er Manager bei Volvo, Opel und General Motors. Für mutmaßlich sehr viel Geld kümmert er sich nun um den rebellischen Ausreißer in dem Großkonzern. „Der größte Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Autoherstellern im Vergleich mit chinesischen ist das hohe Tempo“, sagt Visser. Chinesische Unternehmen holen in einem atemberaubenden Tempo auf und die westliche Welt bemerkt es nicht einmal. „Sie sind zu arrogant, um überhaupt zu realisieren, dass sie zurückfallen“, meint Visser. Wenn es nach ihm geht, fehlt den Chinesen nur noch eins für den Erfolg: Mehr Selbstvertrauen. „Sie denken, ein Produkt muss zuerst in Europa akzeptiert werden, dann ist es gut.“ Das sei ein Fehler.

Im Prinzip beschreibt Visser damit auch die Strategie von Lynk & Co. Der Mutterkonzern ist zwar chinesisch, Visser betont aber, dass die Autos in Schweden designt werden und dass sich das Unternehmen auf den Erfahrungsschatz von Volvo stützen könne. Mit dem chinesischen Mutterkonzern geht Visser nicht hausieren. Auch nicht damit, dass die Autos zunächst in China hergestellt und auf absehbare Zeit auch nur von dort nach Europa verschifft werden. Der europäische Anstrich verkauft sich dann eben doch besser.

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